Archiv für 9. Juni 2012

Wie wissenschaftlich ist die orgonomische Medizin?

9. Juni 2012

Um den Zustand eines Patienten zu bestimmen, tut der Arzt kaum mehr, als dessen Reflexe zu überprüfen. Und das gilt nicht nur für den Neurologen, der mit einem Gummihammer aufs Knie schlägt. Hausärzte der alten Schule sind mit dem Fingernagel über die Haut gestrichen, um zu sehen, wie schnell der weiße Streifen, der sich aufgrund des ausgeübten Druckes auf der Haut ausgebildet hat, verschwindet und sich die peripheren Blutgefäße wieder mit Blut füllen. Selbst „Laborwerte“ geben nur an, wie gut „die Drüsen“ funktionieren. Die Frage ist schlicht, wie schnell (oder ob überhaupt) der Organismus auf von außen kommende Störungen die Homöostase wiederherstellt. Die klassische Definition von „Selbstregulation“! Selbst in der Psychotherapie dreht sich alles um die gestörte „Selbsthomöostase“ der Patienten.

Es geht schlichtweg um eine freie oder behinderte Pulsation. Reichs Beitrag bestand nur darin, daß er einen Zusammenhang zwischen all den diversen Pulsationen sowohl im somatischen als auch im „psychischen“ Bereich sah und die Pulsation auf ein „Substrat“ zurückführte: die „bioenergetische Pulsation“. Ein Phänomen, das im übrigen auch in der Umwelt außerhalb des Menschen anzutreffen sei, was beispielsweise den Zusammenhang zwischen Krankheitsverlauf und Witterung zwanglos erklärt.

Wenn man die Frage von Gesundheit und Krankheit grundsätzlich von der Pulsation her sieht, ist es erstaunlich, sehen zu müssen, wieviel Pathologie („Nichtpulsation“) die Medizin einfach übersieht. Es stellen sich Fragen wie: Wie einfach sind die verschiedenen Muskelgruppen und Gelenke (etwa die Kopfhaut und der Kiefer) aktiv und passiv beweglich? Wie schnell reagiert die Iris auf Veränderungen der Lichtintensität? Wie einfach ist der Würgereflex auslösbar? Wie beweglich ist das Becken? etc.pp.

In der Allgemeinmedizin und Psychotherapie wird so etwas als idiosynkratrische Persönlichkeitszüge abgetan. Man hat halt „Persönlichkeit“, wenn man stets den Kiefer verkrampft. Oder der Körper „reagiert halt träge“, wenn die Iris sich bei Helligkeit nicht schnell zusammenzieht. Aus Sicht des medizinischen Orgonomen jedoch sind das Anzeichen schwerer Pathologie. Charakter selbst ist Krankheit!

Man ahnt, warum sich eine solche Auffassung vom Menschen in der Medizin nicht durchsetzen kann. Es ist nicht die Frage, ob derartige Behauptungen „zu allgemein“ gehalten sind, sich „nicht operationalisieren lassen“ und nicht ausreichend klinische Studien für „derartig weitreichende Behauptungen“ vorgelegt werden. Das Problem liegt ganz woanders: Ärzte und Psychotherapeuten behandeln Symptome, „die Niere im Zimmer 23“ bzw. „die Panikattacken von Herrn Soundso“. Es ist ungefähr so wie bei Insektenforschern, die Schmetterlinge fangen: mit einem selbst, seiner Lebensphilosophie, politischen Einstellung, Religion, etc. hat das Forschungsobjekt nichts, aber auch rein gar nichts zu tun.

Ganz anders sieht es aus, wenn man die bioenergetische Pulsation in den Mittelpunkt stellt, dann rückt nämlich unvermeidlich der wunderliche, ritalin-schluckende Chefarzt der Inneren selbst in den Fokus des Interesses, was natürlich „nicht wissenschaftlich“ wäre! Die absonderlichen ideologischen Hintergründe mancher Krankenhausträger würden plötzlich ins Zentrum der Aufmerksamkeit treten und relevant werden, was natürlich ebenfalls „nicht wissenschaftlich“ wäre. Und zahllose weitere solcher „unwissenschaftlichen“ Verwicklungen.

Klinische Forschung? Reich wollte von Anfang an immer traditionelle klinische Forschung. Sei es im „technischen Seminar“ in Wien, bei seiner „sexualökonomischen Lebensforschung“ in Skandinavien oder hinsichtlich der geplanten Orgone Energy Clinic auf Orgonon. Nichts, wirklich nichts, entspricht dem Grundimpetus der Orgonomie mehr als klinische Forschung!

Aber dazu benötigt man Geld, sehr viel Geld, qualifizierte Ärzte und anderes Personal, etc. Aus den angedeuteten Gründen gibt es das nicht. Und schon gar nicht nach der Rufmordkampagne gegen Reich, die 1947 ihren Anfang nahm und seitdem regelmäßig immer wieder von neuem aufgelegt wird.

Man kann mit Recht einwenden, daß Reich doch nicht von seinen paar Fällen in der Privatpraxis darauf schließen konnte, daß (nur als Beispiel) Kennzeichen der Schizophrenie ein Fehlen von Brustpanzerung sei. Doch in Charakteranalyse (KiWi, S. 529) schreibt er zu dieser seiner Beobachtung:

Diese Annahme wurde durch Untersuchungen bestätigt, die Dr. Elsworth Baker am Marlboro State Hospital, New Jersey, an Schizophrenen durchgeführt hat.

Baker war zu der Zeit seit zehn Jahren Chef der Frauenabteilung an der staatlichen psychiatrischen Klinik von New Jersey.

Selbstverständlich wären Wirksamkeitsnachweise orgonomischer Theorien und Methoden in kontrollierten, randomisierten Studien wünschenswert. (Schließlich traut der gepanzerte Mensch sich und seinesgleichen nicht über den Weg!) Doch aufgrund der begrenzten Ressourcen… Auch kann man der Orgonomie kaum vorhalten, daß sie den jeweils gültigen Stand der Forschung ignoriert. Ganz im Gegenteil! Seit Reichs Tod finden dessen Theorien durch unabhängige Forschungen eine Bestätigung nach der anderen. Das ist das tägliche Brot dieses Blogs.

Grundsätzlich stellt sich auch die Frage von Mechanismus gegen Funktionalismus. Der Mechanist sucht für jede einzelne Erscheinung eine je eigene Kausalkette, die er möglichst früh unterbrechen will. Der Funktionalist sieht in den Erscheinungen bestimmte Äußerungsformen umfassenderer Funktionen. Heilt man z.B. ein chronisches Darmleiden, entwickelt sich eine Gürtelrose und ist diese geheilt, kommt es plötzlich zu Asthmaanfällen und sind die medikamentös beseitigt, entwickelt sich eine unerträgliche Angst vor freien Plätzen, was eine verhaltenstherapeutische Intervention erfordert. Für den Mechanisten sind das separate Erkrankungen, deren jeweilige Genese wissenschaftlich erforscht und deren Behandlung wissenschaftlich gesichert ist. Für den Funktionalisten sind es nur oberflächliche Symptome einer reaktiven Vagotonie, der eine chronische Sympathikotonie zugrunde liegt, die letztendlich auf orgastischer Impotenz beruht.

Der eine betrachtet die Herangehensweise des anderen als jeweils imgrunde unwissenschaftlich!


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