Archiv für 6. Juni 2012

The Journal of Orgonomy (Vol. 24, No. 2, November 1990)

6. Juni 2012

In seinem Buch Freud: Darkness in the Midst of Vision (New York 2000) argumentiert Louis Breger, Freuds gesamtes Theoriegebäude, bei dem sich alles um Sexualität dreht, hätte auf der Verdrängung von Freuds eigenen traumatischen Kindheitserfahrungen beruht. Insbesondere geht es um die Rolle der Mutter; die Sehnsucht nach der abwesenden Mutter.

Man nehme beispielsweise Freuds berühmte mit Zugreisen verbundene Phobie. Diese führte Freud absurderweise darauf zurück, daß er seine Mutter bei einer gemeinsamen Bahnfahrt nackt gesehen habe, als er zweieinhalb Jahre alt gewesen sei! Breger (S. 16-18) stellt hingegen, vor dem Hintergrund dessen, was wir über die Situation Freuds in der Ursprungsfamilie wissen, überzeugend dar, daß diese Phobie zwanglos damit zu erklären ist, daß das Kleinkind Angst davor hatte, von seiner Mutter alleingelassen zu werden. Deshalb seine lebenslange Panik, der Zug (in dem seine Mutter sitzt) könne ohne ihn abfahren. Mit Libido, im engeren, sexuellen Sinne, d.h. dem Ödipuskomplex, hatte das wahrhaftig nichts zu tun.

Wie ich an anderer Stelle dargelegt habe, gebraucht Breger seinerseits diesen bindungspsychologischen Topos, um das heiße Eisen Sexualität in der wohlbekannten „neo-psychoanalytischen“ Art und Weise abzuwehren.

In Traumdeutung beschreibt Freud, wie sein Vater ihm erzählte, daß er, Jacob Freud, in seinen jungen Jahren aufs übelste erniedrigt wurde, weil er Jude war. Er wurde vom Bürgersteig gedrängt und ihm der Hut vom Kopf geschlagen. Alles was er tun konnte, war sich zu bücken, den Hut zu nehmen und unterwürfig davonzuschleichen. Breger weist zu Recht darauf hin, daß an dieser Stelle deutlich wird, daß Freud sich zur Kompensation lebenslang mit Heroen identifizierte. Zu diesen gehörte seit seiner Kindheit Ödipus aus der Tragödie von Sophokles. Ödipus wurde von König Laius von der Straße gedrängt und wurde dafür von Ödipus getötet. Er heiratete daraufhin dessen Frau, um später erfahren zu müssen, daß sie seine Mutter ist und Laius sein leiblicher Vater gewesen war.

In einer sehr schweren persönlichen Krise in den 1890er Jahren habe sich Freud selbst „reorganisiert“, indem er seine frühen Erfahrungen des traumatischen Verlustes und der Hilflosigkeit mit Hilfe seiner Sexualtheorie und dem von ihm, so Breger, erfundenen Ödipuskomplex verdrängte. Tatsächliche Traumata und Ängste wurden auf den Level sekundärer und deshalb weitestgehend vernachlässigbarer Phänomene herabgestuft (Breger, S. 324).

Breger leugnet schlichtweg das libidinöse Grunddrama des Ödipuskomplexes. Die psychoanalytische Theoriebildung sei nur ein Kunstprodukt des vollkommen „unlibidinösen“ Bedürfnisses des Kindes Freud nicht an die schlimmen Verlustängste des Kleinkindes erinnert zu werden und sich mit einer starken Vaterfigur identifizieren zu können.

Natürlich hat Breger in vieler Hinsicht Recht. Beispielsweise kritisierte Freud einer seiner Schwiegertöchter, sie würde seinen Enkel als Säugling zu sehr liebkosen. Er glaubte, zuviel körperliche Zärtlichkeit von Seiten der Eltern sei bedenklich, da es die sexuelle Entwicklung beschleunige (Breger, S. 296). Freud war wirklich ein emotional zutiefst gestörter Mann mit den teilweise denkbar abstrusesten Vorstellungen! (Wenn es nach mir ginge, hielte man orthodoxe Psychoanalytiker von Patienten insbesondere aber Kleinkindern unter schweren Strafandrohungen fern! Ich empfinde sie als wirklich eklige Menschen.)

Die Orgonomie steht weit jenseits dieser Auseinandersetzung zwischen Psychoanalyse und Neo-Psychoanalyse. Selbstredend wird man niemanden finden, der die Rolle der Sexualität mehr in den Vordergrund rückt als Orgonomen, aber auch niemanden der mehr Wert legt auf die Vermeidung frühkindlicher Traumata, „sanfte Geburt“, Stillen, einen engen Kontakt zwischen Mutter und Kind in den ersten Jahren, etc.

In ihre Editorial zu dieser Ausgabe des Journal of Orgonomy hebt Barbara G. Koopman hervor, daß die Orgonomie (spätestens seit der Veröffentlichung von Der Krebs) stets beide Elemente im Auge hat: die perinatale Periode und frühkindliche Entwicklung auf der einen Seite und die Genitalität auf der anderen Seite; sowohl frühe, „prä-ödipale“ Entwicklung (die Breger so wichtig ist) als auch Libidoökonomie und Ödipuskomplex (die Freud so wichtig waren).


Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Schließe dich 31 Followern an