Anfang des letzten Jahrhunderts sprach Freud von der „Libido“, einer quantitativen Größe, deren „Produktion, Vergrößerung oder Verminderung, Verteilung und Verschiebung uns die Erklärungsmöglichkeiten für die beobachteten psychosexuellen Phänomene bieten soll“ (Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Fischer TB, 1961, S. 87). Reich hat Mitte der 1920er Jahre mit diesem Konstrukt die biologische Funktion des genitalen Orgasmus erklärt: er soll überschüssige libidinöse Energie abführen und neurotische Verarbeitungsmechanismen überflüssig machen.
Bereits in Freuds anfänglicher Definition der Libido taucht die elektrische Ladung auf. Es handele sich bei ihr um etwas, „das der Vergrößerung, Verminderung, der Verschiebung und der Abfuhr fähig ist und sich über die Gedächtnisspuren der Vorstellungen verbreitet, etwa wie eine elektrische Ladung über die Oberfläche der Körper“ (Gesammelte Werke, Bd. 1, S. 74). Im Verlauf seiner „Orgasmusforschung“ Anfang der 1930er Jahre begann Reich diesen Ansatz weiterzuführen, indem er sich mit den damals neusten (und bis heute kaum eingeholten) Forschungen über das Autonome Nervensystem beschäftigte und schließlich seine „bioelektrischen Experimente über Sexualität und Angst“ in Angriff nahm, die die entsprechenden Versuche von Masters und Johnson aus den 1960er Jahren vorwegnahmen.
Der Unterschied zu Freud, der sich immer mehr als Psychologe verstand und sich so gut wie gar nicht mehr mit der wissenschaftlichen und medizinischen Forschung seiner Zeit auseinandersetzte, wird durch folgende Aussage Freuds besonders kraß beleuchtet: „(…) ich weiß nichts, was mir für das psychologische Verständnis der Angst gleichgültiger sein könnte, als die Kenntnis des Nervenweges, auf dem ihre Erregungen ablaufen“ (Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, Fischer TB, 1992, S. 376). Man vergleiche dies mit Reichs Arbeit über das sympathische und vagische Nervensystem!
Ein vollwertiger Orgasmus ist die heftige einheitliche quallenartige Pulsation, bzw. Konvulsion des gesamten Organismus während des genitalen Höhepunktes in der liebevollen geschlechtlichen Umarmung. Diese Funktion läßt sich im gesamten Reich der Biologie finden bis hinab zur Ebene der Zellteilung. Diese kann man durchaus als eine Art von „Orgasmus“ betrachten, denn auch sie passiert dem Organismus, „wenn er zu platzen droht“. Reich hat die Erleichterung nach dem „Orgasmus der Zelle“, d.h. nach der Zellteilung, dadurch erklärt, daß das gleiche Plasmavolumen nun auf zwei Tochterzellen mit einer größeren kombinierten Oberfläche verteilt ist. Das macht die erstrebte Erleichterung aus.
Reichs Versuch diese „libidinösen“ Mechanismen direkt am Einzeller zu studieren, führte Mitte der 1930er Jahre zur Entdeckung der sogenannten „Bione“, mikroorganismus-artige Gebilde, die durch Quellung verschiedener Materialien in Nährlösung entstehen. 1939 beobachtete Reich, an aus Meeressand gewonnenen sogenannten „SAPA-Bionen“ eine organisches Material aufladende Energieform. U.a. entdeckte er, daß die Strahlung der SAPA-Bione photographische Platten schwärzt.
Diese von ihm entdeckte Energie nannte Reich „Orgon“. Sie entspricht in etwa der von Biologen schon immer postulierten Lebensenergie. Sie läßt sich im Orgonenergie-Akkumulator (ORAC) konzentrieren. 1940 beobachtete Reich, objektiviert mit dem „Orgonoskop“, daß ein Funkeln, das er in ORACs beobachtet hatte, auch in der Atmosphäre auftrat. Abhängig vom Wetter und insbesondere der relativen Luftfeuchtigkeit herrscht im ORAC entgegen dem Entropiegesetz ständig eine höhere Temperatur als außerhalb („orgonomisches Potential“). Reich entdeckte auch, daß sich im ORAC das Elektroskop langsamer entlädt als außerhalb. Außerdem gelang es ihm die Orgonenergie mit dem vorher orgonotisch aufgeladenen Zählrohr eines Geiger-Müller-Zählers nachzuweisen. Ebenso kann man Orgonenergie-Felder durch das Aufleuchten orgonotisch aufgeladener Fluoreszenz-Röhren nachweisen.
Ein Einwand gegen die Entdeckung des Orgons durch Dr. med. Wilhelm Reich war stets, daß sich hier ein ärztlicher Psychotherapeut und Psychiater auf ein Feld begab, in dem nur ausgebildete Physiker vernünftig arbeiten können. Dabei wird gerne vergessen, daß die Physik zu einem großen Teil von eben solchen Ärzten geschaffen wurde, wie Reich einer war. Er also in einer kontinuierlichen Tradition von Ärzten stand, die der Physik den Weg gewiesen haben.
Außerdem ist der Umweg über Psychologie, Medizin und Biologie alles andere als ein „Umweg“. Tatsächlich stellte er die einzige Möglichkeit dar, die Orgonenergie zu entdecken. Die Entwicklung der Orgonomie hob nicht mit theoretischen Überlegungen über „Energie“ an, sondern mit der unvermittelten existentiellen Erfahrung der Körperströmungen und des orgastischen Erlebens des einzelnen Menschen Wilhelm Reich.
Reich schrieb dazu 1947 in einer Darstellung der Geschichte des Orgonomischen Funktionalismus:
Der embryonale Funktionalismus gab der Energie in der natürlichen Entwicklung den Vorzug, ohne in der Lage zu sein, diesen Vorrang zu beweisen. Und es gab zu der Zeit nichts, das erklären würde, wo ein junger Naturwissenschaftler diese Voreingenommenheit ausgebildet haben könnte. (…) Aus heutiger Sicht scheint es so, daß diese Priorität einfach auf den Empfindungen von Bewegung in meinem eigenen Organismus beruhte. Es war nichts weiter als ein Vorurteil, das sich später als richtig herausstellte. (Orgonomic Functionalism, Vol. 1, S. 4; Hervorhebungen hinzugefügt)
In einer 1952 verfaßten Autobiographie stellt es Reich so dar, daß seine Lebensarbeit praktisch 1916 begann, als er im Alter von 19 Jahren, nachdem er schon sechs Jahre hindurch sexuell aktiv gewesen war, zum ersten Mal beim Geschlechtsakt das erfuhr, was er später „orgastische Potenz“ nennen sollte; das totale Verschmelzen mit einem anderen Organismus. „In dieser ersten wichtigen Erfahrung des süßen Strömens des lebendigen Lebens, wurzeln die meisten von WRs Hauptleistungen“ (ebd., S. 88). Also die gesamte Orgonomie ist praktisch die Verarbeitung dieser Urerfahrung des k.u.k.-Leutnants an der italienischen Front.
Man kann angesichts seines Themas, der orgastischen Plasmazuckung, unmöglich den wissenschaftlichen vom „privaten“ Reich trennen. Mag sein, daß Reich auch ohne die Entdeckung des Orgons sich „Alone“ gefühlt hätte, aber gerade wegen dieses seines Wesens hat er ja das Orgon entdeckt. Und in dieser Hinsicht ist es auch gleichgültig, ob es das Orgon nun wirklich gibt oder ob er es „erfunden“ hat. Das gleiche gilt sogar für seine Nachfolger: man wird nicht zum Außenseiter, weil man der Orgonomie folgt, sondern man folgt der Orgonomie, weil man ein Außenseiter ist.
Ein Organismus, der das meiste seiner Energie darauf verwendet, das natürlich Lebendige in sich selbst zu verbergen, kann die Fähigkeit nicht haben, das Lebendige außer sich zu fassen. (Der Krebs, Fischer TB, S. 35)
Es geht darum, sich nicht durch Rücksichten auf andere Meinungen aus dem Gleichgewicht bringen zu lassen. Das wichtigste in der Orgonomie ist erst einmal der ungefilterte orgonotische Kontakt, der einem unmittelbar sagt, was richtig und was falsch ist, wem man folgen kann und wem nicht. Daraus geht dann ein klares Denken hervor. Oder anders gesagt: folge deinem Kern und nicht deinem Charakter oder den Meinungen, die andere in dich eintrichtern oder als „Weltanschauungen“ bereits in dich eingetrichtert haben.













