Die Funktion der Religion

In den letzten Jahren haben mich immer wieder Studien insbesondere aus dem tiefreligiösen Amerika irritiert, die gezeigt haben, daß religiöse Menschen seelisch gefestigter und glücklicher sind und auch in physischer Hinsicht gesünder. Derartige Erhebungen werden voll Begeisterung von der religiösen Rechten in Amerika hochgehalten. Das ist nicht gerade das, was man als „Reichianer“ hören will, hatte doch Reich vom Gegensatz von (sexuellem) Lebensglück und Mystik gesprochen.

Nun haben drei Forscher der Humboldt-Universität zu Berlin, der University of Southampton und von eDarling die anonymisierten Daten von über 200 000 Mitgliedern der besagten Partnervermittlung aus elf europäischen Ländern analysiert

Es stimme zwar, daß religiöse Menschen sich wohler in ihrer Haut fühlen, ein höheres Selbstwertgefühl zeigen und sich besser in ihr Umfeld integrieren als Nichtgläubige, aber dies träfe nur auf Länder zu, in denen die Religion gesellschaftliche Wertschätzung erfährt. In religiös gleichgültigen Ländern wie Deutschland, Frankreich und Schweden gäbe es deshalb praktisch keinerlei Unterschied im psychischen Wohlbefinden zwischen Atheisten und Gläubigen. Ganz anders sähe es hingegen in tiefreligiösen Ländern wie der Türkei, Polen und (so die Studie) Rußland aus. Jochen Gebauer, Mitautor der Studie:

Möglicherweise entsteht der positive Effekt des Glaubens auf unsere Gesundheit durch die Wertschätzung, die man als religiöser Mensch von seiner sozialen Umwelt erfährt. Eine hohe Wertschätzung von den Mitmenschen fördert das psychische Wohlergehen. Dieser Effekt bleibt natürlich aus, wenn Religiosität in der jeweiligen Gesellschaft keine besondere Bedeutung hat.

Gebauer drückt sich sicherlich so vorsichtig aus, weil die positive Wirkung der Religion bisher weitgehend zum wissenschaftlichen Konsens gehörte.

In einem Land wie Polen wird man unglücklich, wenn man nicht an Gott glaubt, während in einem religiös vollkommen gleichgültigen Land wie Schweden, der Glaube so gut wie keine psychischen Folgen hat. Es geht hier um die alles durchdringende gesellschaftliche Atmosphäre, die Nichtgläubige in Ländern wie Polen stigmatisiert und sich schlecht fühlen läßt, selbst wenn kein sichtbarer Druck ausgeübt wird.

Die nächste Frage sollte sein, ob die Menschen im weitgehend atheistischen Schweden weniger „ethisch“ miteinander umgehen als im ultrakatholischen Polen. Wohl kaum… Richard Dawkins hat in dieser Hinsicht auf klassische Weise einen Moslem zurechtgewiesen:

Ich kann mich noch gut an den brennenden Haß meines Vaters auf den überkommenen Katholizismus der Familie Nasselstein erinnern. Seine anhaltende Empörung, wie eine Cousine in seiner Jugend von der Verwandtschaft drangsaliert wurde, weil sie, da unehelich, ein „Kind der Sünde“ sei. Geradezu die Braut Satans! – Genau so müssen sich, wenn auch in homöopathischen Dosen, „Ungläubige“ in religiös verseuchten Ländern fühlen!

Gibt es denn wirklich nichts, was das Phänomen „Religion“ rechtfertigt? Zunächst einmal gab es bis zur Neuzeit niemals irgendwo auf dem Planeten eine religionslose Gesellschaft. Selbst anhand der kläglichen Überreste der sprichwörtlichen Neandertaler hat man überzeugende Hinweise für ein religiöses Leben ausmachen können. Es ist deshalb illusorisch Religion einfach so, a la Richard Dawkins, abschütteln zu wollen. Zweifellos ist die Religion tief in uns verankert und hat eine rationale Funktion.

Reich hat die heutige Religion als Ausdruck unbefriedigter Sexualität betrachtet. Deshalb sei sie von der Sexualunterdrückung abhängig. Sie sei aus einer Art „Urreligion“ hervorgegangen, in der das sexuelle und das religiöse Erleben eins gewesen seien. Später änderte sich Reichs Perspektive und er betrachtete insbesondere das Christentum als (durch die Panzerung verzerrten) Ausdruck des Erlebens der Orgonenergie im inneren des Organismus und im Kosmos. Atheisten würde dieser „kosmische Kontakt“ abgehen.

Das bedeutet offensichtlich nicht, daß dadurch beispielsweise Polen glücklicher und ethischer werden, es bedeutet jedoch, daß sie, wenn man das so ausdrücken kann, „besser im Raum verankert sind“. Religiöse Menschen kann man im wahrsten Sinne des Wortes nicht so einfach „herumschubsen“. Entsprechend war es den Russen unmöglich Polen zu „sowjetisieren“. Schließlich hat der polnische Katholizismus das Kartenhaus des Ostblocks zum Einsturz gebracht. Ähnlich sieht es mit dem Verhältnis des Westens zur islamischen Welt aus. Statt, daß wir sie verwestlichen, fangen sie ganz im Gegenteil an uns zu islamisieren. So war das nicht gedacht!

Das weitgehend atheistische Europa ist „haltlos verloren“.

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