Die alte autoritäre Gesellschaft und die neue antiautoritäre Gesellschaft

Reich hat das Wesen der autoritären Gesellschaft Anfang der 1930er Jahre wie folgt auf den Punkt gebracht:

Die gesellschaftliche Sexualverdrängung und Charakterpanzerung ist (…) ein reaktionärer Faktor von großem Gewicht; auf ihre retardierende Wirkung in der autoritären Gesellschaft kann nicht verzichtet werden, denn:

  1. Sie stützt als mächtige Kraft jede reaktionäre Institution, die sich mit Hilfe der Sexualangst und des sexuellen Schuldgefühls in den ausgebeuteten Massen zutiefst verankert.
  2. Sie stützt die Zwangsfamilie und Ehe, welche zu ihrem Bestande Verkümmerung der Sexualität erfordert.
  3. Sie macht die Kinder den Eltern und auf diese Weise später die Erwachsenen der staatlichen Autorität hörig, indem sie in allen Massenindividuen Angst vor der Autorität erzeugt.
  4. Sie lähmt die intellektuelle kritische Kraft und Initiative des unterdrückten Individuums, denn die Sexualverdrängung verbraucht viel Bioenergie, die sonst intellektuell und emotionell in rationaler Form erscheinen würde.
  5. Sie schädigt bei vielem, sehr vielen, die bioenergetische Agilität, macht sie gehemmt und lähmt die auflehnenden Kräfte im Individuum, sich gegen soziale Übelstände aufzulehnen.

Das alles zusammengenommen bedeutet die ideologische Verankerung des herrschenden autoritären Systems in den charakterlichen Strukturen der Massenindividuen und dient so der Unterdrückung des Lebendigen. Das ist der soziologische Sinn der Sexualunterdrückung der von politischen Machtgruppen beherrschten Gesellschaft. (Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral, KiWi, S. 166)

Nach Reichs Tod, ungefähr seit 1960, bildete sich die antiautoritäre Gesellschaft aus, bei der „die ideologische Verankerung des herrschenden Systems in den charakterlichen Strukturen der Massenindividuen“ nicht auf Sexualverdrängung, sondern ganz im Gegenteil auf Permissivität beruht.

  1. Ihr Todfeind ist die Kirche, was nicht immer ganz offensichtlich ist, da die Kirche auch von innen zersetzt wird. Ich habe mich damit in Der Zerfall des Katholizismus und des Protestantismus beschäftigt. Weitere bekämpfte Institutionen sind das Militär, die Polizei und natürlich Schule und Universität. Hier wird von den neuen „herrschenden politischen Machtgruppen“ alles getan, um „die Autoritäten“ zu unterhöhlen. „Soldaten sind Mörder“, Polizisten sind „Büttel des Kapitals“ und Bildung ist nicht etwas, was man sich erarbeitet, sondern „ein Recht“.
  2. Dem Zerfall der Familie wird nicht etwa entgegengewirkt, sondern er wird mit allen Mitteln unterstützt, etwa durch eine Abgabenpolitik, die Frauen dazu zwingt zu arbeiten. Kinderkrippen – in denen dann genau solche Frauen arbeiten; der Ehestatus für Sodomiten, etc.
  3. Alle Medien, ob Nachrichten, „Infotainment“ oder Entertainment, haben nur ein einziges Thema: die „Demaskierung“ der Autoritäten, die dann der Lächerlichkeit preisgegeben werden. In Serien, wie etwa den Simpsons, wird der Vater grundsätzlich als Trottel dargestellt, Autoritäten außerhalb der Familie wahlweise ebenfalls als lächerliche Gestalten oder aber als Verbrecher, die systematisch diesen Planeten zerstören.
  4. Ziel der gesamten Erziehung ist der „kritische Geist“, d.h. das Hinterfragen von allem und jedem, ohne sich vorher das Fachwissen angeeignet zu haben bzw. die Lebenserfahrung mitzubringen, um sich überhaupt sinnvoll einbringen zu können. Gleichzeitig wird es mit schärfsten Sanktionen belegt, die Agenda der Antiautoritären, die „political correctness“, auch nur ansatzweise zu hinterfragen. „Wehret den Anfängen!“
  5. An die Stelle des triebgehemmten Charakters tritt der triebhafte Charakter, der vor zielloser „Agilität“ und sinnloser „Auflehnung“ schier birst. Man lese nur ein beliebiges offenes Forum im Internet. Die Münder bzw. die Finger bewegen sich ohne Sinn und Verstand. Eine logische Gedankenführung ist nicht auszumachen, als wenn man es mit dem Gebrabbel von Kleinkindern zu tun hat!

Eines der Hauptunterschiede zwischen den beiden Gesellschaftsformationen ist die Rolle der – Autorität: Früher hatte der Staat in Gestalt der lokalen Autoritäten und vor allem in Gestalt jedes Familienoberhauptes, teilweise gegen jeden äußeren Anschein, eine geradezu „dezentrale“ Organisation.

In der antiautoritären Gesellschaft hingegen kommt es, auch wieder entgegen jedem äußeren Anschein, zu einer zunehmenden Zentralisierung der Autorität. In Deutschland wird das in der ständigen Polemik gegen den Föderalismus und die irrationale Verherrlichung denkbar undemokratischer internationaler Institutionen, wie die EU oder gar die UN, deutlich. Im Kleinen sieht man, daß dem Staat (Lehrern, Sozialarbeitern, gar Polizisten) die Erziehungsaufgabe übertragen wird und die Massenindividuen generell immer mehr auf den Staat setzen.

Die Rolle der Sexualität in all dem ist nicht mehr so eindeutig wie zu Reichs Zeiten. Sie ist nach wie vor alles andere als „frei“. Tatsächlich ist sie in mancher Hinsicht eingeschränkter als je zuvor, denn „vor 1960“ wurde sie weitgehend dadurch unterdrückt, indem sie schamhaft als praktisch nicht vorhanden behandelt wurde. Danach wurde sie zunehmend ins öffentliche Bewußtsein gerückt und damit erst recht der sozialen Kontrolle unterworfen. Heute gibt es kaum noch einen Jugendlichen, der nicht unter einer Körperschemastörung leidet und an der Größe und Form seiner geschlechtlichen Merkmale verzweifelt. Siehe etwa meine Ausführungen in Der weibliche Selbstekel. Das Ausmaß der sexuellen Desinformation ist geradezu atemberaubend. Je „aufgeklärter“ die Menschen werden, desto schlimmer ist diese „Verbildung“. Dem Massenindividuum wurde die allerletzte Möglichkeit genommen es selbst zu sein. Die Kontrolle ist unmittelbar selbst im allerintimsten Bereich.

Genau wie in der autoritären Gesellschaft geht es darum nicht sexuell zu sein, d.h. kein „Tier“ zu sein. Während dies jedoch in der autoritären Gesellschaft durch die weitgehende Leugnung der Sexualität und ihre Mystifizierung gelang (am eindeutigsten im Katholizismus mit seiner Marienverehrung), geschieht das in der antiautoritären Gesellschaft mittels der Mechanisierung der Sexualität. Gefühllose Plastiktitten, „kalte“ Erektionen, Leistung, Prestige; eine aseptische, „enthaarte“ und vor allem kopfgesteuerte Angelegenheit. Man blättere den Playboy oder ein beliebiges anderes „Herrenmagazin“ durch: das sind keine Frauen, sondern gefühllose Roboter.

Zum Abschluß möchte ich auf eine kurze Rede des von mir verehrten Henryk M. Broder verweisen, der erläutert, warum man in der neuen permissiven Gesellschaft ganz anders reagieren muß als in der alten autoritären Gesellschaft.

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5 Antworten to “Die alte autoritäre Gesellschaft und die neue antiautoritäre Gesellschaft”

  1. O. Says:

    Ich will es mal so sagen, es ist viel passiert, was man nicht zum Ausdruck brachte, über das intellektuell geschwiegen wurde … wo unsere Philosophen und Sozialkritiker “theoretisiert” haben mit abgehobener Nomenklatur und Satzstruktur und sich in geistigen Orgasmen übten und kulturellen Verat übten; sie wetterten gegen den Faschismus ohne sich auf Reich beziehen zu wollen, angepasste Systemkritiker – Adorno, Habermas, Kant … sie sind die “geistigen” Väter – V(err)äter. Die letzte “authoritäre – antiauthoritäre” Elternschaft für eine enteignete finanzielle und geistig Generation.
    Diesen egomanen Väter authoritärer Erziehung und im Konflikt mit einer antiauthoriären Ideologie, die nicht zum Aufbegehren reichte gegen tatsächliche Mißstände haben ihre Söhne sozial kastriert, ihre Töchter zu ödipalen Heldinnen stilisiert.

    [Vielleicht muss man soziologisch noch zurück in die Kriegsvergangenheit zurück gehen, wo die Helden weggeschossen waren oder aus der Gefangenschaft zurückkamen und die Frauen das überleben mehr und mehr organisierten. - Soweit will ich nicht zurückgehen ...]

    Broder reicht mir nicht zur Erklärung, er denkt zu biologistisch, besserwisserisch “wie ein Kant”, den man schon im zweiten Satz widersprechen müsste, wollte ich die Zeit auf ihn verwenden, belehren wird man ihn nicht können, noch nicht mal mit ihm diskutieren können.

    Daher bedarf es einer anderen Erklärung in meinen Augen. Der triebgehemmte Mensch wird noch immer produziert, der psychopathische ist eine Sonderform charakterlicher Deformation.

    Die Frage bleibt: What has happened to the Repuplic?

  2. Peter Nasselstein Says:

    Ich komme über Wulffs Weihnachtsansprache einfach nicht hinweg. Eine schier ungeheuerliche Sauerei, uns “Toleranz” zu predigen und uns die politische korrekte INDOKTRINATION vom Dreijährigen nahezulegen. WAS MASST SICH DIESER KERL EIGENTLICH AN?!

    Allein schon Wulffs Fist-Lady ist die Verkörperung der permissiven Gesellschaft: http://www.firstlady-skandal.com/wer-ist-das

  3. Klaus Says:

    Broder:
    “Nun, Toleranz ist meine Sache nicht, ich bin der Ansicht, dass viele der Probleme, mit denen wir es derzeit zu tun haben, eine Folge der Toleranz sind, die wir praktizieren, und dass wir mehr Intoleranz brauchen, wenn wir das, was unser Leben lebenswert macht, erhalten wollen. In repressiven Gesellschaften, in denen alles verboten war, das nicht ausdrücklich erlaubt war, ging der Ruf nach Toleranz der Emanzipation voraus: der Frauen, der Juden, der Homosexuellen, der Kriegsdienstverweigerer, kurzum der Anderen, die sich dem Diktat der Anpassung nicht fügen wollten.

    In permissiven Gesellschaften, in denen alles erlaubt ist, was nicht ausdrücklich verboten ist, muss man wieder Intoleranz praktizieren, wenn man die individuelle Freiheit und die kollektive Sicherheit nicht verlieren will. Intoleranz gegenüber der Banalität der Guten, die alle Konflikte am Runden Tisch lösen wollen und die Existenz des Bösen leugnen; Intoleranz gegenüber den Verharmlosern und Verniedlichern, die jede Tat und Untat mit ihren sozio-kulturellen Rahmenbedingungen erklären und den Täter zum Opfer gesellschaftlicher Umstände stilisieren; Intoleranz gegenüber den Relativierern, die zum Beispiel auf die Nachricht, dass vor kurzem eine Frau wegen Hexerei in Saudi-Arabien geköpft wurde, mit der Bemerkung reagieren, die Zeit der Hexenverfolgung sei auch im christlichen Europa noch nicht lange vorbei.”

    Treffend

  4. Robert (Berlin) Says:

    Reichs Wesen der autoritären Gesellschaft ist aber noch immer für islamische Gesellschaften gültig, auch wenn man einige christliche Merkmale durch andere Mechanismen islamischer Spezifität ersetzen müsste.

    “In Serien, wie etwa den Simpsons, wird der Vater grundsätzlich als Trottel dargestellt,”
    Ein bisschen zu kurz gedacht. Der Mann wird allgemein als Trottel hingestellt.

    “Tatsächlich ist sie in mancher Hinsicht eingeschränkter als je zuvor, denn „vor 1960“ wurde sie weitgehend dadurch unterdrückt, indem sie schamhaft als praktisch nicht vorhanden behandelt wurde. Danach wurde sie zunehmend ins öffentliche Bewußtsein gerückt und damit erst recht der sozialen Kontrolle unterworfen.”
    Das ist wohl das, was Foucault genauer beschrieben hat, auch wenn es nicht seine Entdeckung war.

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