Die Faschisierung der Orgonomie

Vor zwei Jahrzehnten veröffentlichte „Franz Ferzak“ eine Satire über Reich: Wilhelm Reich. Ein außerirdischer Österreicher, der vom CIA ermordet wurde (Franz Ferzak World and Space Publications [FFWASP], Neuenhinzenhausen im Schambachtal 1991).

Er präsentierte die Theorien eines gewissen Joseph H. Carter (The Awesome Life Force), für den die Orgonenergie identisch mit einer bestimmten Art von „weichen Elektronen“ ist, die wiederum aus Photonen bestehen. Orgonenergie ist demnach nicht massefrei und kann in Photonen und diese „weichen Elektronen“ zerfallen. „DOR ist selbstverständlich nichts anderes als normale Orgonenergie oder weiche Elektronen, die eine große Zahl von harten, hochfrequenten Elektronen in sich aufgenommen haben.“ Das Licht, aus dem ja das Orgon, bzw. die „weichen Elektronen“, bestehe, entsteht durch Störungen im Äther, „die von höheren Wesen ausgelöst werden“. Diese „Logoi“ gehen dabei nach Gesetzen vor, wie Reich sie, so Ferzak, in Die kosmische Überlagerung erforscht habe.

Jenseits der Orgonenergie gibt es also noch Gott, die unsterbliche Seele, etc. und Ferzaks Haupteinwand gegen Reich ist dessen Ablehnung der Mystik. Daß die Seele nach dem Tod nicht weiterexistiert, es keine Inkarnation und Reinkarnation gibt, „dürfte der bombastischte Scheiß sein, den Reich in seinem ganzen Leben von sich gegeben hat“. Ferzak verwirft Reichs gesamte Kritik an der Mystik, da Reich sich da nicht genug ausgekannt hätte. Es sei nämlich „insgesamt“ so,

daß das Universum wie eine Pyramide aufgebaut ist. Oben sitzt Gott und alles, was weiter unten ist, ist von ihm abhängig. Selbstverständlich ist es so, daß sich z.B. höhere Wesen in niedrigere Bereiche inkarnieren oder eben verkörpern können. Solche Wesen sind z.B. die großen Künstler, Wissenschaftler, Philosophen und Führer usw. Ohne diese Jungs würde es auf der Welt absolut keinen Fortschritt geben.

Groteskerweise gibt diese unappetitliche Satire ziemlich genau die Weltsicht nicht etwa einiger, sondern so gut wie aller sogenannten „Reichianer“ wider. Seit Reichs Tod hat sich der „Reichianismus“ immer mehr in eine Anthroposophie für Arme entwickelt. Ich habe das teilweise in Reichianische Bücher illustriert. Der „Reichianismus“ erweist sich als etwas, was zwischen dem alten jenseits orientierten Mystizismus der Kirchen und dem diesseitigen biologistischen Mystizismus des Nationalsozialismus steht. Niemand hat die Bewegung, die seinen Namen trägt, besser erfaßt als Reich – als er die Anthroposophie beschrieb:

Es würde sich lohnen, auf die Soziologie der verschiedenen (…) theosophischen und anthroposophischen Strömungen (…) als gesellschaftlich bedeutsame Erscheinungen patriarchalischer Sexualökonomie genau einzugehen. Hier genüge die Feststellung, daß die mystischen Kreise bloß Konzentrationen von Tatbeständen sind, die wir in mehr diffuser, weniger greifbarer, aber deshalb nicht weniger deutlicher Art in allen Schichten der Bevölkerung finden. Zwischen dem Grade des mystisch-sentimental-sadistischen Empfindens und dem Grade der durchschnittlichen Störung des natürlich orgastischen Erlebens gibt es eine enge Beziehung. (…) Man vergleiche damit das wirklichkeitsnahe, unsentimentale, lebenskräftige Erleben der echten Revolutionäre, echter Naturforscher, gesunder Jugendlicher etc. (Massenpsychologie des Faschismus, S. 135)

Die Gegenüberstellung von „Tier“ und „Geistesmensch“ orientiert sich an der Gegenüberstellung von „sexuell“ und „geistig“ (…), die in stets gleichbleibender Weise die Grundlage der gesamten theosophischen Moralphilosophie bildet. (ebd., S. 154)

Die mystische Einstellung wirkt sich zunächst typischerweise als mächtiger Widerstand gegen die Aufdeckung des unbewußten Seelenlebens, im besonderen der verdrängten Genitalität, aus. Es ist bezeichnend, daß die mystische Abwehr weniger den prägenitalen, kindlichen, als den genitalen, natürlichen Triebregungen gilt, besonders der kindlichen Onanie. Der Kranke klammert sich an seine asketischen, moralistischen und mystischen Anschauungen, verschärft den weltanschaulichen unüberbrückbaren Gegensatz des „Moralischen“ zum „Tierischen“, d.h. Natürlichen-Sexuellen; er wehrt sich gegen seine genitale Sexualität mit Hilfe moralistischer Herabsetzung. Er wirft Unverständnis für „seelische Werte“ und „groben, niedrigen Materialismus“ vor. Kurz, wer die Argumentation der Mystiker und Faschisten in der politischen und der Charakterologen und „Geisteswissenschaftler“ in der naturwissenschaftlichen Diskussion kennt, dem klingt das alles wohlbekannt, es ist ein und dasselbe. (ebd., S. 169)

Der deutsche Faschismus versuchte es mit aller Macht, sich in den psychischen Strukturen zu verankern und legte daher das größte Gewicht auf die Erfassung der Jugend und der Kinder. Er hatte keine anderen Mittel zur Verfügung als Weckung und Pflege der Hörigkeit zur Autorität, deren Grundvoraussetzung die asketische, sexualverneinende Erziehung ist. Die natürlichen sexuellen Strebungen zum anderen Geschlecht, die von Kindheit an zur Befriedigung drängen, wurden im wesentlichen durch verstellte, abgelenkte homosexuelle und sadistische Gefühle, teils auch durch Askese ersetzt. Das gilt etwa für den sogenannten „Kameradschaftsgeist“ in den Arbeitsdienstlagern wie für die Einpflanzung des sogenannten „Geistes von Zucht und Gehorsam“. Sie hatten die Aufgabe, die Brutalität zu entfesseln und im imperialistischen Kriege nutzbar zu machen. Sadismus entstammt unbefriedigter orgastischer Sehnsucht. Die Fassade heißt „Kameradschaft“, „Ehre“, „freiwillige Disziplin“, die Kulisse birgt geheime Auflehnung, Gedrücktheit bis zur Rebellion wegen der Behinderung jedes persönlichen Lebens, insbesondere des sexuellen. (ebd., S. 179)

Der Faschismus wäre, so heißt es, Rückkehr zum Heidentum und ein Todfeind der Religion. Weit davon entfernt, ist der Faschismus der extreme Ausdruck des religiösen Mystizismus. Als solcher tritt er in besonderer sozialer Gestalt auf. Der Faschismus stützt diejenige Religiosität, die aus der sexuellen Perversion stammt, und er verwandelt den masochistischen Charakter der Leidensreligion des alten Patriarchats in eine sadistische Religion. Demzufolge versetzt er die Religion aus dem Jenseitsbereiche der Leidensphilosophie in das Diesseits des sadistischen Mordens. (ebd., S. 14f)

Reich hat hier die autoritäre Gesellschaft beschrieben, die bis etwa 1960 bestand hatte. Seitdem entwickelte sich die anti-autoritäre Gesellschaft, die in mancher Hinsicht sogar noch sexualfeindlicher ist. Die Faschisierung der Orgonomie äußert sich entsprechend natürlich etwas anders: wirr, grotesk und „alternativ“.

About these ads

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , ,

3 Antworten to “Die Faschisierung der Orgonomie”

  1. Robert (Berlin) Says:

    Da gehe ich mit O. nicht konform.
    So interessant manche Überlegungen von Ferzak auch waren, es hat insgesamt auf mich einen sehr abstoßenden Charakter gehabt und das nicht nur wegen seiner Koprolalie (die ja Peter auch gerne pflegt), sondern weil es Ansichten waren, die unbegründet mit seinen persönlichen Vorlieben zusammenhingen.
    Jeder kleine Knilch, der sich Reichianer oder Autor denkt, hat die Messlatte der akademischen Wissenschaft. Diese hat Reich immer (!) eingehalten, auch wenn er von ihr außen vor gelassen wurde. Die Schreiberlinge legen auf solche Anforderungen keinen Wert, weil sie sowieso wissen, dass ihr eigenes Niveau nie akademische Hürden erreichen kann. Dann kommen sie mit ihren persönlichen Ansichten, interpretieren ihre Neurose als die gesunde Norm und teilen tüchtig aus – gern auch in ihrer alltäglichen Fäkalsprache.

    • O. Says:

      Ich würde Herrn Ferzak durchaus eine akademische und nicht nur schriftstellerische Ausbildung unterstellen. Seine anderen Bücher zeigen einen ordentlichen literarischen Hintergrund und keine “esoterischen”, sondern ernstzunehmende Schlussfolgerungen.

      Die eigene Neurose (Charakter nach Reich) wird man nicht los und ist bei den meisten Autoren erkennbar. Durch eine erfolgreiche Therapie kann man tendenziell etwas ereichen, so dass man im Leben besser klar kommt, aber die Struktur bleibt doch vorhanden.

      Akademiker verstecken die eigenen charakterneurotische Struktur auch gerne in ihren (abstrusen) Hypothesen und Interpretationen bleiben sprachlich aber annehmbar und konform. Ferzak attackiert auch mal aggressiv und teilt kräftig aus, was den Charme des Buches ausmacht, der aber nicht jedermans Geschmack ist.

      Ich gebe zu, dass ich seine “persönlichen Vorlieben” noch einmal genauer anschauen müsste, da ich sie nicht mehr erinnere.

      Er ist mir lieber als die Biographie von Boadella, der zu Charakteranalyse noch spannend ist und zum Schluss Reich als kranken Psychopathen hinstellt und in der Körperpsychotherapie als “Papst” angesehen wird, ohne mit seiner Biosynthesis einen brauchbaren Beitrag zur Körpertherapie geleistet zu haben.

  2. O. Says:

    Franz Ferzak hat über Tesla und Reichenbach auch geschrieben, allerdings in einem anderen Stil als über Reich.
    Sein Buch ist zweifellos eines der außergewöhnlichsten Biographien und setzt voraus, dass der Leser sich mit Reich “identifizieren” kann und seine Schriften bereits komplett kennt. Wer diese Eigenschaften mitbringt, kann erst sein Buch verstehen und weiß auch um die Anfeindungen dümmlichster Natur, gegen die Ferzak zu Felde zieht: Sprachlich teilweise auch etwas vulgär, aus dem Rahmen fallend, sehr ironisch bis satirisch (vielleicht kann man es so beschreiben). Spitzfindig bis in Details gehend, die zuvor so nicht bestrachtet und erzählt worden sind. Jede Beschreibung fällt mir schon schwer und trifft nicht tatsächlich seine Herangehensweise und seinen Humor. Ich habe mir häufig überlegt, dass dieser Humor wohl nur bei Männern anklang finden kann, die kompromisslos wie er, zu etwas stehen können ohne in die Angst zu verfallen, was denkt ein anderer über mich oder das was ich geschrieben habe.
    Er ist einer der wenigen, die nicht über Reich herfallen müssen, auch wenn der Titel so klingen mag. So verwundert mich auch die Kritik von PN und ich kann sie nicht einmal als solche erinnern aus dem Rückblick von nun schon 20 Jahren. Dies ist aber die adequate Antwort auf Typen den “Sportler”, die er unverblümt als Faschodeppen und Belämmerte bezeichnen würde. Genau dieses Niveau hätte der Sportler verdient und jede weitere Auseinandersetzung würde sich konsequent erübrigen. Und die Nachplapperer würde er genauso erfrischend in den Boden stampfen.

    Ferzaks schreibt für diejenigen, denen die Anerkennungssucht Reichs und die von Reichianern auf den Nerv geht. Reich hat eine Anerkennung von “Deppen” schlicht nicht nötig, darin ist er völlig zu recht arrogant. “Beweise” für die Orgonomie muss man gar nicht diskutieren, jeder der lesen kann, hat sie vor sich liegen und kann dann selbst wissenschaftlich mit arbeiten oder es lassen. Alles andere war seither dämliches Gelaber, um seine Ausdrucksweise mal hier annähernd wiederzugeben. Leser die sich als “Reichianer” noch empfanden, weil sie mit seinen Schriften etwas anfangen konnten, waren hier angesprochen, denen die Argumentation “Reich sei nicht wissenschaftlich” auf den Nerv ging. Für diejenigen ist sein Buch ein Befreiungsschlag gewesen – jenseits eines Politisierens.

    Man wird ihm keinen Sozialismus oder Faschismus vorwerfen können, bestenfalls ein paar wirre Gedanken, die man selber wohl nicht versteht aufgrund der unorthodoxen Wortwahl. Ferzak schockiert kompromisslos. Er will nicht jemandens Freund sein, oder Applaus bekommen. Sicherlich kann man das eine oder andere überdenken, was scheinbar arglos vom Stapel gelassen wurde. Im gesagten Beispiel hat er wohl versucht Reichs Thesen unter einem neuen Modell zu verstehen. Solche Anstätze scheitern eigentlich grundsätzlich, weil eben keiner wie Reich gedacht hat und Vergleiche mit physikalischen Modellen einiger Außenseiter-Physiker immer inkohärent sind.

    Trotzdem mag man sich andere Modelle mal gelegentlich ansehen, um seinen Horizont zu erweitern, auch wenn es sich als wertlos herausstellen mag.

    Was den Mystizismus anbelangt hat Reich den konsequent bekämpft und wollte sich auch nicht intensiver mit beschäftigen. Reich wollte nicht, dass seine Sache in die Esoterik abdriftet, um so mehr ist sie heute in dieser Ecke verankert worden und dies wird hier mit Recht mit Faschismus oder blauem Faschismus umschrieben und gleichgesetzt. Ferzak gehört für mich nicht in diese Ecke. Wenn er an Reich (etwas) kritisiert, dass er sich mit Mystizismus nicht fruchtbar aueinandersgesetzt hat, dann wird er sich sehr reichianische Gedanken gemacht haben – das untertell ich mal – die ihn weiter in ein Feld führten, als es Reich gehen wollte. Ferzak muss um keine Anerkennung fürchten. Reich musste aufpassen, dass seine Arbeit nicht zerstört wird, was es letztlich wurde. er konnte sich eine solchen Gedanke nicht einmal leisten, selbst wenn er es gewollt hätte ohne die Orgonomie zu gefährden.

    Also vielleicht ist dieser Hinweis von Herrn Nasselstein sehr wertvoll und man sollte die Textstelle von Ferzak nochmal durchlesen, um das beim erstenmal Überlesene neu zu bewerten. Vielleicht steckt das sogar ein kleiner “Gedankenschatz” drin, den er für den aufmerksamen Leser entwickelt und versteckt hat. Ansonsten gilt auch für ihn, irren ist nicht nur menschlich und ein “Grundrecht”, sondern wer nichts wagt, kann nichts gewinnen. Jeder hat auch das Recht mal Fehler zu machen oder sich zu irren. Und es ist absolut akzeptabel und eine Anerkennung auf diesen hinzuweisen.

    Ich gehe davon aus, dass hier jeder Franz Ferzak mit Genuss lesen wird, sofern er ihn noch nicht kennt.

    Für mich ist es die beste Insiderbiographie, die man freilich sich nicht getraut zu zitieren :)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 42 Followern an

%d Bloggern gefällt das: