Die Emotionen

Sebastian hat folgende Fragen in bzw. an diesen Blog gestellt:

  • Reich schreibt: „Wir werden später zu zeigen haben, daß es die Funktion der Emotion ist, die das Ziel eines Triebes bildet und nicht umgekehrt, wie die Metaphysiker behaupten“ (Äther, Gott und Teufel, S. 54). Wann kommt dieses „später“ und wer sind in diesem Fall die Metaphysiker?
  • Als Funktion der Emotion nennt Reich Beispiele: Die Lust führt zur Entladung überschüssiger Zellenergie, Wut hat die Funktion lebensbedrohende Situationen zu bewältigen. Welche Funktionen erfüllen Angst (Wahrnehmung von Gefahr?), Trauer (Bewältigung des Verlustes von gewohntem Kontakt?) und Sehnsucht (Streben nach Kontakt?)?
  • Was für Bewegungszustände spiegeln die primären Emotionen wider? Lust, Sehnsucht, Wut = expansiv und Angst, Trauer = kontraktiv?
  • Wie muß ich mir das Verhältnis zwischen Emotion und Trieb vorstellen? Eine Emotion ist doch die Reaktion auf einen äußeren Reiz und der Trieb ein innerer, permanenter Reiz, oder? Wie hängen die beiden zusammen?
  • In Charakteranalyse geht Reich von Lust, Angst und Wut als die grundlegenden Emotionen aus. Wie ist er zu Trauer und Sehnsucht gekommen? Klinische Beobachtung?
  • Allgemein ist es der Übergang von primären und sekundären Trieben zu primären und sekundären Emotionen, der mich fragen läßt.
  • Bevor Reich von Emotionen spricht, spricht er von Affekten. Was unterscheidet diese beiden Begriffe?

Äther, Gott und Teufel ist der erste Teil des geplanten 3. Bandes von Die Entdeckung des Orgons. Der zweite Teil, in dem Reich die Entwicklung seiner Denkmethode von der Auseinandersetzung mit der Freudschen Triebtheorie bis zur Entdeckung des Orgons beschreibt, ist leider nur teilweise in Reichs Orgone Energy Belletin erschienen. Der vollständige Text wurde dann in den 1990er Jahren als Artikelserie in der Zeitschrift des Wilhelm Reich Infant Trust veröffentlicht, Orgonomic Functionalism: „The Developmental History of Orgonomic Functionalism“. Vielleicht erbarmt sich ja mal ein deutscher Verlag…

Erst einmal geht es Reich nicht einfach um „Funktionalismus“, sondern um energetischen Funktionalismus. Aus dieser Sichtweise hat etwa Wut nur sekundär die Funktion äußere Gefahren zu bewältigen, primär geht es um die expansive Bewegung der Energie in die Muskulatur hinein. Erst sekundär kommen Funktionen hinzu, wie etwa die Abwehr von Konkurrenz, und tertiär dann neurotische Mechanismen, wie etwa die Aufrechterhaltung der Verdrängung. Genauso ist Trauer zunächst einmal „einfach nur“ eine Kontraktion der Energie, erst sekundär kommen alle möglichen anderen Funktionen hinzu, etwa die „Vernünftigkeit“ eines Rückzugs, wenn das Nach-außen-Greifen keinen Sinn mehr macht.

Die Bewegung der Energie ist das Primäre. Daraus folgt dann alles weitere, was Biologen, Mediziner, Anthropologen, Soziologen, Psychologen und Theologen beschreiben. Nur daß diese die Vorgänge genau umgekehrt, nämlich „metaphysisch“ betrachten. Sie nehmen eine letztendlich psychologistische Erklärung und projizieren sie dann in die energetischen Vorgänge hinein. Plötzlich sieht es dann so aus, als hätte die Natur ein „Bewußtsein“ und „einen Willen“ = Metaphysik. Beispielsweise empfinden wir, von dieser „metaphysischen“ Warte aus betrachtet, genitale Lust als Anreiz zur Fortpflanzung: „Die Funktion der Lust ist die Fortpflanzung.“ Für Reich hingegen ist die Lust, die mit Energieentladung und damit Spannungsverminderung einhergeht, das Primäre, erst sekundär hat sich die Funktion der Fortpflanzung sozusagen „draufgepflockt“.

  1. Lust,
  2. Sehnsucht,
  3. Angst,
  4. Wut und
  5. Trauer

sind in dieser Reihenfolge die Grundemotionen.

An sich gibt es nur eine e-motion, nämlich die (1.) Lust, denn „Emotion“ bedeutet „Herausbewegen“.

Bei der (2.) Sehnsucht fließt die Energie in Brust und Arme und in Becken und Mund und wir haben es mit dem Verlangen nach Überlagerung zu tun, also nicht nur mit allgemeiner Lust, sondern mit spezifischer Liebe. Entsprechend kann es Sehnsucht erst bei Vertebraten geben, während Lust ein allgemeines Phänomen ist, das grundsätzlich alles Lebendige umfaßt (außer dem gepanzerten Menschen).

Zu der einen Emotion Lust kommt zweitens die (3.) Angst, die an sich „Remotion“ ist. Tatsächlich ist Angst aber kein reines Zurückfließen, sondern ein stauendes Rückfließen entgegen der primären lustvollen Emotion (Angst ist orgonomisch immer „Stauungsangst“). Entsprechend ist auch die „Remotion“ etwas universelles (wieder mit Ausnahme des gepanzerten Menschen – bzw. natürlich mancher gepanzerter Menschen).

(4.) Wut entsteht als ausbrechende Reaktion der Energie, die diese Stauung wieder aufzuheben bestrebt ist oder um die Überlagerung doch noch herzustellen. (Man beachte die „metaphysische“ Sprache, so als wäre die Energie eine „Person“. Die Orgonometrie soll uns von diesen „Sprachfallen“ befreien.) Der Organismus setzt sich durch, indem die Energie in die Muskulatur fließt. Wut kann sich also erst entwickelt haben, nachdem sich das Mesoderm zwischen das Entoderm und Ektoderm geschoben hat.

(5.) Trauer ist das Gegenteil von Sehnsucht und Wut, es gibt keine Möglichkeit der Überlagerung und der Organismus kontrahiert ohne Stauung. Entsprechend kann man vor Trauer buchstäblich sterben.

Es wird deutlich, warum Lust die einzige und grundlegende Emotion ist: die Energie fließt nach draußen. (Solange wir leben wird ununterbrochen im Zentrum des Körpers Energie „generiert“!)

Es ist zweitens klar, warum Lust und Angst die beiden grundlegenden Emotionen sind, denn zu dieser Expansion tritt natürlicherweise die Kontraktion (Angst) hinzu.

Es ist drittens klar warum Lust, Angst und Wut die drei grundlegenden Emotionen sind, denn Lust und Angst gehören selbstverständlich zum Organismus genauso wie die Wut, ohne die er in einer feindlichen Umwelt nicht überleben könnte.

Und es ist schließlich klar, warum Sehnsucht und Trauer als nicht unbedingt notweniger Luxus erst bei den späteren Organismen auftreten. (Was aber nicht bedeutet, daß sie weniger tief verankert sind. Wenn man Die kosmische Überlagerung liest, wird man sehen, daß Sehnsucht und Trauer durchaus fundamentaler sind, als hier dargestellt, nämlich Ausdruck der das Leben konstituierenden Separation von organismischer und kosmischer Orgonenergie durch die materielle Membran. Aber eine eingehender Erläuterung sprengt genauso den Rahmen dieses Artikels, wie der Hinweis, daß die Emotionen in der kosmischen Orgonenergie selbst angelegt sind, weil diese „erregbar“ ist, wie das ORANUR-Experiment gezeigt hat.)

Und es ist schließlich offensichtlich, warum die am Anfang präsentierte Aufstellung der Emotionen genau in dieser Reihenfolge für den Menschen wichtig ist. Jedenfalls war dies bei Reich selbst so, der sich, mangels anderer Möglichkeiten, selbst als Muster für gesundes, d.h. natürliches Funktionieren genommen hat. Bei ihm spielte die Sehnsucht eine zentrale Rolle, während beispielsweise Freud offensichtlich nie so etwas empfunden hat.

Bei vielen Neurotikern ist die Sache in der Reihenfolge wohl eher umgekehrt als in der obigen Aufstellung oder sie wissen beispielsweise gar nicht, was Sehnsucht ist. Bei anderen ist es Wut, die ihnen fremd bleibt, etc.

Der Trieb ist die motorische Seite der Lust bzw. der „E-motion“ an sich. Der Trieb ist unserem Bewußtsein als solcher nicht zugänglich im Gegensatz zur Emotion, weil wir, wie Reich sich ausdrückt, sein Objekt sind (Die Funktion des Orgasmus). Aber natürlich können wir ihn nach seinem Ziel benennen. Entsprechend spaltet sich die einheitliche organismische Expansionsfunktion durch die Konfrontation mit der Umwelt spontan in Objekt- und Selbststrebungen auf, was wir dann als „Objektliebe“ (etwa für die Mutter) und als „Selbstliebe“ empfinden.

Durch eine lebensfeindliche Umwelt richtet sich der eine Trieb gegen den anderen und erzeugt so die Panzerung:

  • der Sexualtrieb richtet sich gegen den Selbsterhaltungstrieb, was zu Narzißmus führt;
  • der Selbsterhaltungstrieb richtet sich gegen den Sexualtrieb, was zum Idealisieren führt.

Die so entstehenden Triebregungen werden dann ihrerseits von gegenteiligen Regungen blockiert und immer so weiter, bis wir das undurchdringliche Triebgestrüpp vor uns haben, das wir „Charakter“ nennen. In der Orgontherapie wird versucht, die durch die sich gegenseitig blockierenden Triebe hervorgerufene Affektstarre wieder aufzulösen.

Aus den beiden primären Grundtrieben entwickeln sich die diversen „sekundären“, d.h. neurotischen Triebe. Kann die Panzerung die Triebenergie nicht mehr halten, kommt es zu Affekten: schamhaftes Erröten, „Ausrasten“, hysterisches Lachen, krampfhaftes Weinen, etc. Derartige Affekte prägen den Verlauf der Orgontherapie. (Natürlich hat auch der genitale Charakter „Affekte“, d.h. Gefühlsausbrüche, aber sie sind der Situation angemessen, während der Neurotiker wegen seines Triebstaus eine „unberechenbare Zeitbombe“ ist.)

Ganz ähnlich wie bei den beiden Grundtrieben (die sich natürlich auf unendlich viele unterschiedliche Zielobjekte richten können!) auf der einen und dem verwirrenden Triebgeflecht auf der anderen Seite, sieht es auch bei den Emotionen aus. Es gibt nur die fünf Reichschen Grundemotionen (die je nach den Umständen natürlich jeweils unendlich mannigfaltig gefärbt sein können). Die Mischung, aus der die „weiteren“ Emotionen hervorgehen, etwa „Haß-Liebe“ oder „ängstliche Sehnsucht“, entspricht der kranken neurotischen Ambivalenz, während der ideale Gesunde nur klare eindeutige Gefühle kennt und sie auch dementsprechend ausdrückt.

Das spiegelt sich auch unmittelbar im Denken wider: der Neurotiker ist nicht in der Lage logisch und folgerichtig zu denken. Sein Denken ist kompliziert, entsprechend den verschachtelten „verwirrten“ Trieben, und ambivalent, entsprechend den „gemischten Gefühlen“. Das heißt nicht, daß er nuanciert denken kann, tatsächlich ist sein Denken gleichzeitig auch holzschnittartig, da sein Trieb- und Gefühlsleben nicht frei ist, d.h. nicht offen für die unendlich vielen Optionen und Nuancen, die uns diese wunderbare Welt bietet.

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4 Antworten to “Die Emotionen”

  1. O. Says:

    Emotion und Gefühl sind schon schwer zu definieren und zu differenzieren. Für mich ist die “erste, eigene orgonot. Erstrahlung” primär ein Verliebtsein, das ich wahrnehme und somit zum Gefühl wird, nicht aber zur Emotion. Dann würde “sekundär” (evtl.) die Sexualität kommen und tertiär sich möglicherweise eine längerfristige Emotion wie Liebe hin zum Partner erfolgen.

    Für mich beschreibt Baker das nur annähernd gut, nicht jedoch schon abschließend. Und ich habe bei Reich das Thema Liebe auch eher vermisst.

  2. Sebastian Says:

    Das war wirklich sehr lehrreich! Danke!

  3. Peter Nasselstein Says:

    Müschenich erwähnt in seiner Doktorarbeit eine weitgehende Bestätigung des Reichschen Konzepts der Emotionen. Leider finde ich die Stelle nicht, deshalb hier aus dem Internet: http://www.bkjpp.de/index.php5?x=/for201_eeg-psyche.php5&

    Machleidt et al. (1987b) teilten bei ihren Untersuchungen in die 5 Grundgefühle ‘Intention’, ‘Angst’, ‘Aggression’, ‘Trauer’ und ‘Freude’ auf, verwendeten Imaginationsverfahren und fanden folgende EEG-Befunde:

    Zusammenhang von Grundgefühlen und EEG (nach Machleidt 1982)

    • [ENTSPRICHT WEITGEHEND REICHS "ANGST"] Angst: Alpha nimmt okzipital ab, Alpha-Bandweite zu, Beta und Theta nimmt zu. Intensität der Angst: bei geringerer Ausprägung ist noch Alpha sichtbar, bei zunehmender Intensität verschwindet sie vollends und es resultiert ein Muster mit zum Teil hochfrequenter Beta-Aktivität (28-32 Hz) und unterlagernden Theta-Wellen (vgl. Künkel 1980).
    • [KORRELAT ZU "SEHNSUCHT"] Intention, Erwartungsspannung positiv: Alpha vermehrt, Alphafrequenz erhöht, übrige Parameter unverändert.
    • [KORRELAT ZU "LUST"] Freude, Zufriedenheit: Alpha vermehrt, Beta und Theta vermindert.
    • [ENTSPRICHT WEITGEHEND REICHS "WUT"] Aggression, Kraft, Wut: Zunahme von Alpha, Beta und Theta, vermehrte Komplexität.
    • [ENTSPRICHT WEITGEHEND REICHS "TRAUER"] Trauer: Abnahme von Alpha, Beta und Theta. Alpha-Bandweite und Komplexität stiegen (allerdings diente ein Alkoholkranker als Beispiel, d. Verf.): flaches EEG.
    • [KORRELAT ZU "TRAUER"] Depression (vgl. Bente 1976, Monakhov und Perris 1980, Pockberger 1985): bei hohem Angstanteil hoher Beta-Anteil, bei der gehemmt antriebsarmen Variante langsame Alpha- und Theta-Aktivität.

    Liebe ist keine Emotion, kein “Gefühl” im eigentlichen Sinne, sondern die orgonotische Erstrahlung des gesamten Organismus, wenn das geliebte Gegenüber sich nähert – und sei es nur in der Phantasie. Diese (wechselseitige) Erstrahlung kann man bereits bei Bionen beobachten. Bei jeder Liebe, auch der nichtgeschlechtlichen, wird diese Erstrahlung insbesondere im Genital verspürt. Bei einem gegengeschlechtlichen Gegenüber tritt schließlich der Drang zur Überlagerung hinzu. In diesem Sinne ist “Sex” immer etwas Sekundäres, die Liebe das Primäre (Elsworth F. Baker: “On Love” JOURNAL OF ORGONOMY 14(1), May 1980, S. 99-102).

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