Orgonenergie und Abstraktion

Aus vorangegangenen Blogeinträgen könnte der Eindruck erwachsen, die Orgonomie sei sozusagen „anti-Platonistisch“. Im folgenden soll gezeigt werden, daß geradezu das Gegenteil der Fall ist.

Giordano Bruno hat viele erkenntnistheoretische Einsichten Kants über den Zusammenhang von Status des Geistes und Erfassung der Umwelt vorweggenommen. Jochen Kirchhoff zufolge hob Bruno hervor, „daß wir Spiegeln gleichen, auf denen sich die Dinge abbilden, daß Struktur und Form unserer sinnlich-rationalen Erkenntnisorgane die Eigenarten des gespiegelten Bildes bestimmen“ (Giordano Bruno, rororo, S. 56). In Äther, Gott und Teufel hat Reich ähnliches gesagt und ergänzt, daß man zwischen einem glatten Spiegel und einem unebenen Spiegel unterscheiden müsse (S. 56f). Der erstere entspricht dem ungepanzerten, der letztere dem gepanzerten Organismus und seiner Wahrnehmung der Umwelt.

Das ungepanzerte Lebendige empfindet sich und die Umwelt grundsätzlich anders als der gepanzerte Organismus. (ebd.)

Natürlich darf man das Bild des Spiegels nicht allzu wörtlich nehmen, denn, wie Goethe im Faust sagt: „alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis.“ Ein Satz, den Leon Wurmser wie folgt kommentiert:

Die Welt der Fakten und Daten, unsere „Realität“, kann nur mit Hilfe von Metaphern und Symbolen erfaßt werden. Es gibt kein Sehen ohne Interpretieren: es gibt keine primären Gegebenheiten, nur symbolisch strukturierte Bilder. („Plädoyer für die Verwendung von Metaphern in der psychoanalytischen Theoriebildung“, Psyche, Aug. 1983)

Wie sich dieser Gedanke (der Wurmser Anlaß gibt, doch nur wieder in den Platonismus abzugleiten) in den Orgonomischen Funktionalismus einfügt, verdeutlicht uns der bildende Künstler William Steig, der die orgonomisch-funktionelle Annäherung an die Natur so beschrieb:

Innerlich ist jeder wie ein Künstler tätig und schafft ständig geistige Bilder seiner sich bewegenden und verändernden Umgebung. Diese Bilder sind nicht „photographisch“, sondern „abstrakt“, denn es wird Bewegung, Richtung, Gestalt, Gefüge, etc. hervorgehoben – das Gefühl der Sache. („Some Notes on Art Inspired by Reich“, Orgone Energy Bulletin, Vol. 4, No. 1 January 1952, S. 32)

Der Maler destilliert das Wesentlichste aus der Natur heraus und gelangt so in einen tieferen Funktionsbereich, ohne diesen zu mechanisieren, ohne „Höheres“ in ihn hineinzutragen. (So kann man bestimmen, was Kunst und was Schund ist!) Siehe auch meine Beschreibung des Konstruktivismus in Von Freud zu Reich (Teil 7).

Was im orgonomischen Sinne „Abstraktion“ im Gegensatz zu „Spiegeltreue“ ist, wird noch deutlicher, wenn wir von der bildenden Kunst zur Musik übergehen. Trotzdem Musik vollkommen unanschaulich ist und sich jeder konkreten, in Worte zu fassenden Vorstellung entzieht, ist sie bei aller Abstraktion doch unmittelbarer „Bewegungsausdruck des Lebendigen“. In Charakteranalyse sagt Reich, „daß der musikalische Ausdruck mit letzten Tiefen des Lebendigen zusammenhängt“ (S. 475). Diese Art von Abstraktion, die Bewegungsausdruck ist, ist etwas vollkommen anderes als die Platonistische Abstraktion, die unveränderliches Sein verkörpert. Der Bewegungsbegriff verbirgt sich hinter der hochabstrakten Hegelschen Dialektik, der Bewegungsausdruck hinter den „hochabstrakten Begriffen“ der Orgonometrie (von denen Reich z.B. in „Melanor, Orite, Brownite and Orene“, CORE, Vol. 7, S. 30 spricht).

Letztendlich läuft alles darauf hinaus, wie der Denker, Wissenschaftler und Künstler mit seinen eigenen Emotionen (= Bewegung der Orgonenergie) umgeht.

In seinem Gedenkartikel über den vor kurzen verstorbenen abstrakten Maler Kenneth Noland, der mit der Orgonomie eng verbunden war, beschreibt dies der Orgonom Robert A. Harman sehr schön:

Für Noland, wie auch für jeden anderen großen Maler, war die Leinwand das Werk selbst, keine Vorrichtung, die, wie eine Maschine in einer Fabrik, dazu bestimmt war, um die Aufgabe „auszuführen“, die Emotionen dem Betrachter vor Gesicht zu stellen. Der Gegensatz liegt in zwei vollkommen unterschiedlichen Lebensweisen begründet. In der ersten Lebensweise ist eine Emotion etwas das lebt und sich bewegt, eine spontane Bewegung des Organismus und seiner Arbeit, etwas das man in der Arbeit selbst entdeckt. (…) In der zweiten Lebensweise ist eine Emotion ein „Objekt“, etwas „dort“, eine Sache oder ein Ort, der immer unerreichbar bleibt, welches das hilflose und frustrierte Menschentier „sich bemüht“ zu „bekommen“ bzw. „zu ihm zu gelangen“. („In Memoriam: Kenneth Noland (1924-2010)“, The Journal of Orgonomy, Vol. 42, No. 2, Fall 2009/Winter 2010)

Es geht einfach darum, ob man in Harmonie mit der Natur empfindet, denkt und handelt, d.h. funktionell, – oder ob alles durch den „widernatürlichen“ Panzer „hindurchgedrückt“, bzw. durch ihn hindurch wahrgenommen und dabei hoffnungslos entstellt und zerstückelt wird. Das erstere führt zu funktionellen Formulierungen (Abstraktionen), das letztere zu mechanistischen und mystischen.

Auch wenn von der Tendenz her auf dem ersten Blick eher das Gegenteil der Fall zu sein scheint („es ist nur abstrakt!“), ist der gepanzerte Organismus zur Abstraktion gar nicht in der Lage!

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2 Antworten zu „Orgonenergie und Abstraktion“

  1. Die Frage nach dem Ziel « Nachrichtenbrief sagt:

    [...] einer anderen Sichtweise her, habe ich das Problem der „Zielgerichtetheit“ in Orgonenergie und Abstraktion angeschnitten: der ungepanzerte Organismus ist in der Lage sich auf etwas zu fokussieren, während [...]

  2. Peter Nasselstein sagt:

    Hier Musik von William Steigs Sohn Jeremy (Jahrgang 1942), sozusagen ein “Kind der Zukunft”, ist mit Peter Reich zusammen aufgewachsen. Das Cover des Albums “Energy” scheint von seinem Vater gemalt zu sein:

    Besseres Bild des Covers:

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