Psychopharmakotherapie – Psychotherapie – Orgontherapie

30. September 2014

Evan Mayo-Wilson (Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health) et al. konnten in einer Metaanalyse von 101 klinischen Studien nachweisen, daß nicht etwa Medikamente, sondern Gesprächstherapie, insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie, sich am besten für soziale Angststörungen eignet.

Das ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert, denn ursprünglich galten Psychopharmaka als Erlösung von der Psychoanalyse, die im psychiatrischen Alltag ihre Versprechungen in keinster Weise hat einlösen können. Und zweitens ist es zumindest in den USA so, daß die Psychiater fast vollständig die Psychotherapie aufgegeben und sich ganz auf das bloße Verschreiben von Pillen spezialisiert haben. Die vermeintlich minderwertige Psychotherapie wird Laien (d.h. Nichtmedizinern) überlassen. Aber offensichtlich hat die Psychiatrie aufs falsche Pferd gesetzt! Psychotherapie ist nämlich nicht nur effektiver, sondern hat im Gegensatz zu den Psychopillen auch dauerhafte Auswirkungen auch lange nach Ende der Behandlung.

Nicht nur die Psychiatrie, sondern das gesamte Gesundheitswesen ist fehlgegangen, denn es gib einen eklatanten Mangel an ausgebildeten Psychotherapeuten, so daß der Griff zur Pille auch von daher fast zwangsläufig ist.

Für die Studie analysierten Mayo-Wilson und seine Kollegen Daten von über 13 000 Patienten, die alle unter schwerer und langanhaltender sozialer Angst litten. 9 000 erhielten die übliche Medikation oder ein Placebo, 4 000 erhielten eine Psychotherapie. Nur wenige der analysierten Studien untersuchten die Kombination von Medikation und Gesprächstherapie. Es gab keinerlei Evidenz dafür, daß eine kombinierte Therapie besser als eine pure Gesprächstherapie ist!

Im Vergleich der Gesprächstherapien erwies sich die kognitive Verhaltenstherapie im Einzelsetting als am effizientesten. Wenn es denn nicht anders gehe, seien unter den Medikamenten die SSRIs (selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) am wirksamsten. Doch könnten Medikamente mit schweren Nebenwirkungen verbunden sein, viele Menschen sprächen überhaupt nicht auf sie an und die Symptome würden nach Absetzen der Pillen wiedereinsetzen. Bei sozialen Angststörungen sollten Medikamente deshalb immer nur die zweite Wahl sein.

Bei der kognitiven Verhaltenstherapie dreht sich alles um die Beziehung zwischen Gedanken, Gefühlen und Verhaltensweisen. Den Patienten soll dabei geholfen werden, ihre irrationalen Ängste anzugehen und ihr Ausweichen vor sozialen Kontakten zu überwinden. Sie sollen sich ihrer Angst stellen und lernen unangenehme Erregungszustände auszuhalten, d.h. die Orgonenergie und ihre Bewegung. Das ist genau der Gegenteilige Ansatz zur Psychopharmakologie, wo es darum geht, das Erregungsniveau zu senken und die Patienten im wahrsten Sinne des Wortes „cooler“ zu machen.

Die Nähe der Verhaltenstherapie zur Orgontherapie ist evident! Charles Konia schreibt über die Verhaltenstherapie:

Das rationale Element der Verhaltenstherapie befaßt sich mit dem Problem der Toleranz für Energie, etc. Darüber hinaus wird die lebenswichtige Bedeutung des orgonotischen Kontakts zwischen Patient und Therapeut nicht vollständig erkannt. Ihr Vorhandensein in der therapeutischen Beziehung ist eine Sache des Zufalls.

Genau das ist der Beitrag, den die Orgontherapie leisten kann. Es geht dabei nicht um spezielle Techniken, etwa „körpertherapeutische“ Interventionen, sondern darum, jeweils das zu tun, was langfristig einen geregelten Energiehaushalt sichert. Wie das geschieht, ob mit Techniken der Psychoanalyse, der Verhaltenstherapie, der Körpertherapie oder sonstigem, ist von sekundärer Bedeutung. Entscheidend ist, was der orgonotische Kontakt diktiert. In der Verhaltenstherapie hingegen wird mit festgelegten „Manualen“ gearbeitet und der Patient kann nur hoffen, daß der Verhaltenstherapeut seine Interventionen mit Feingefühl und im Sinne des gesunden Menschenverstandes durchführt. Der tiefenpsychologisch orientierte Psychotherapeut kann sich dann gegebenenfalls mit dem beschäftigen, was in der mechanisch vorgehenden Verhaltenstherapie unangetastet geblieben ist. Im schlimmsten Fall werden die Symptome „kognitiv verarbeitet“, d.h. sie werden durch Gehirnpanzerung und die damit einhergehende Kontaktlosigkeit gebunden. Das war mehr oder weniger explizit Freuds Therapiekonzept („bewußte Verurteilung der Triebe“).

Letztendlich geht es in den gängigen Therapien immer darum die Energie des Organismus zu drosseln, zu binden oder zu „konditionieren“. Nichts davon funktioniert wirklich, weil sich die Natur nicht bändigen läßt. Es gibt nur einen Weg: das Lebendige seiner Bestimmung nach sich frei entfalten lassen, d.h. die Herstellung von Selbstregulation (Orgontherapie).

orgonthzwm

Die biosoziale Grundlage der Familien- und Paartherapie (Teil 9)

29. September 2014

DIE ZEITSCHRIFT FÜR ORGONOMIE

Peter Crist: Die biosoziale Grundlage der Familien- und Paartherapie (Teil 9)

acologo

Modju als „Orgontherapeut“ (Teil 2): Urschreitherapie aus orgonomischer Sicht

28. September 2014

Der Volldepp Alexander Lowen bezeichnete sich als, nach Freud, Ferenczi und Reich, vierten großen Psychiater des 20. Jahrhunderts. Arthur Janov behauptet von sich, die Ursache de Neurosen durchschaut zu haben und behandeln zu können: „Urerlebnisse“, letztendlich aber das Geburtserlebnis, die durch den „Urschrei“, bei dem sich der Patient in Schmerzen windet, ungeschehen gemacht werden. Morton Herskowitz merkt dazu an:

Der therapeutische Kern des Urerlebnisses ist die „Verbindung“ („connection“): an die intellektuelle Einsicht schließt sich die emotionelle Erfahrung und danach wird es aus dem Bereich der „primären Widerhall-Kreisschaltungen“, die der Ursprung aller Neurosen und psycho-physiologischen Störungen sind, verbannt. Wenn auch die Beschreibung der Kreisschaltungen und Verbindungen einen dunkel an dianetics (jetzt scientology) erinnert (…), würde Janov für seinen Teil kein Gefallen an dem Vergleich finden. Denn für Janov ist seine Arbeit einzigartig.

Die Psychoanalytiker seien, so Janov, ausschließlich mit „Kopf-Vorgängen“, die medizinischen Orgonomen ausschließlich mit „Körper-Vorgängen“ beschäftigt. Sie würden die Emotionen aus den Muskeln „herausmassieren“. Die ersteren würden die frühkindlichen Traumatisierungen vernachlässigen, die letzteren die Sexualität überbetonen.

Es ist alles wir bei Lowen: Reich wird vulgarisiert, vereinfacht und mechanisiert – und das ganze dann als eigene bahnbrechende Entdeckung verkauft. Dabei wird wirres, pseudowissenschaftliches Zeugs zum Besten gegeben, etwa: „Was klar wird, ist, daß es egal ist, ob das Bewußtsein durch allgemeine Narkose, durch Fehlen der Myelinisierung und der Entwicklung des Bewußtseins oder durch die Neurose unterdrückt wurde.“ Wissenschaftliche Belege werden angeführt – und durch kleine Verdrehungen so dargestellt, daß sie Janovs Theoriegebäude untermauern.

Die gesamte Bandbreite der Psychopathologie wird auf „verschüttete“ (nicht etwa verdrängte!) Urerlebnisse zurückgeführt. Ihre Heilung wird durch die erwähnte „Verbindung“ bewerkstelligt. Sollte es nicht zur Heilung kommen, ist nicht etwa etwas am Janovschen System falsch, sondern es gibt noch versteckte „Urerlebnisse“, die offengelegt werden müssen. (Das ganze erinnert wirklich an L. Ron Hubbards Dianetik!)

Die Therapie selbst ist ziemlich aufwendig. Man muß sich vorbereiten, keine Medikamente, keine Abwechslung, dann drei Wochen täglich Therapie und im Anschluß die Teilnahme an einer „Post-Primär-Gruppe“ für einige Monate. Alles wird getan, um die anfängliche Anspannung des Patienten zu erhöhen und sein Gefühl der Wehrlosigkeit zu verstärken. Danach werden seine oberflächlichen Charakterhaltungen angegriffen. Spricht er beispielsweise leise, soll er laut sprechen, bei kleinsten Fehlern und Abwehrmanövern wird er heftig gescholten. Er soll sich an seine frühe Kindheit erinnern. Mit weit geöffneten Mund soll er einatmen.

Durch diesen Angriff auf die Brustpanzerung wird der Patient oft noch mehr durcheinandergebracht und noch ängstlicher, und er wird dazu ermutigt Mama und Papa um Hilfe anzurufen. Wenn er zögert, wird er heftig gescholten und dazu gedrängt. Durch diesen dauernden und erbarmungslosen Angriff auf das Abwehrsystem kommt es zwangsläufig zu emotionellen Durchbrüchen mit sich verstärkenden heftigen Episoden emotionellen Ausagierens (…), da der Patient dem verdrängten Material abwehrlos gegenübersteht.

Janov will das Abwehrsystem „durchbrechen“ und „sprengen“. Entsprechend ist die Urschreitherapie eine quälende Erfahrung, voll Schmerzen in denen man sich windet und zuckt. Die Patienten machen jedoch weiter, weil es bei jedem Durchbruch zu einer Erleichterung und möglicherweise zu einer Linderung der Symptome kommt. Die Erfolge, die Janov selbst beschreibt, sind eindrucksvoll. Neben Neurosen hat er beispielsweise Homosexualität, Epilepsie und Psychosen geheilt! Flachbrüstigen Patientinnen wuchs ein größerer Busen, etc. Herskowitz: „Für jemanden, der so ungeschult und frech ist wie Janov, scheint dies zu bedeuten, daß er tatsächlich den Stein der Weisen in bezug auf emotionelle Störungen entdeckt hat.“

Herskowitz wirft Janov vor, daß er alles andere als originell sei, sondern nur eine Kombination alter Methoden vorstelle. Der Angriff auf die Brustpanzerung geht auf Reich, das Aufdecken des Verschütteten aus infantiler Zeit auf Freud zurück. Janov würde den universellen Traum einer instantanen Heilung teilen, wenn nicht sogar den Glauben an die Magie. „Der rücksichtslose Angriff auf die Abwehrmechanismen des Patienten ist“, so Herskowitz weiter, „ein Ergebnis der Verachtung des menschlichen Lebens und des Fehlens von Respekt vor ihm.“

Außerdem spiele viel von Autosuggestion hinein, sowohl von Seiten der Patienten als auch von Seiten Janovs. Beispielsweise klagt ein Patient über Nasenverstopfung, worauf Janov interpretiert, daß das Kind im Geburtskanal nicht atmet… Herskowitz:

Vor vielen Jahren besuchte ich eine Vorlesung eines national anerkannten Psychiaters, der von seinen gegenwärtigen Ansichten über Psychotherapie sprach. Während der Diskussion fragte ein Zuhörer, warum er die Hypnosetherapie aufgegeben hätte, die er früher ausgiebig angewendet hatte. Er antwortete: „Ich kam zu dem Punkt, an dem ich nicht mehr wußte, wer wen hypnotisierte.“ Janov ist von diesem Punkt weit entfernt und wenn man seinen Charakter und seine Abwehr genau beurteilt, wird er ihn auch nie erreichen.

Schauen wir, wie es, nach Janovs eigener Darstellung, tatsächlich um Patienten bestellt ist, die die Urschreitherapie hinter sich haben. Zumindest mir bleibt die Spucke weg. Etwa, wenn Janov allen Ernstes schreibt: „Wenn einmal jene Versagungen (die Urgefühle) gefühlt werden, gibt es diese emotionalen Tiefen nicht mehr länger, die wir im Menschen erwarten würden.“ Die Leistungswilligkeit (Leistungsfähigkeit?) nimmt ab. Verheiratete Paare, bei denen beide eine Primärtherapie durchlaufen haben, wollen sich nie trennen, weil sie, so Janov, „keine neurotischen Wünsche nach jemandem anderem (haben)“. Und die meisten wollen keine Kinder! „Post-Primär“-Patienten sind nie übelgelaunt. Einer sagt: „Mein Leben ist einfacher. Ich tue weniger, gehe weniger, verlange weniger, spreche weniger, alles ist weniger.“ Auch haben fast alle deutlich weniger Sex!

Einige weitere Beispiele: Ein Doktoranwärter für englische Literatur liest nach der Therapie nur noch Märchen, hat kein Interesse mehr an „tiefgehenden“ (Anführungszeichen durch Janov!) Werken. Der Beruf wird zu etwas, mit dem man nur Geld verdient. Die „geheilten“ Patienten lägen „viel herum“, seien nicht mehr arbeitsam, wären nicht mehr von Zwängen getrieben und hätten keinen Ehrgeiz mehr. Sie wären ruhig und zufrieden. Janov: „Er tut weniger als er vorher getan hat, produziert weniger, ist weniger gesellig und hat mehr Freude am Alleinsein. Er fühlt sich lebendiger und will sich nicht mit irgendetwas oder irgendjemandem abmühen.“

Die meisten Patienten haben noch Jahre nach der Therapie „Urerlebnisse“. Für sie werden sie zum Lebensstil. „Das ist“, wie Herskowitz anfügt, „natürlich nicht genau das, was das Instruktionsblatt vor der Therapie zu versprechen schien.“ Janovs eigene Erhebungen zeigen, daß 37,9% seiner Patienten eine Zunahme des diastolischen Blutdrucks zeigten. Herskowitz: „Die Pulszahl vermindert sich und die Körpertemperatur ist durchwegs niedriger als die der Nicht-Patienten.“ Haarscharf schließen Janovs Schüler daraus, daß das, „was man für normalen Puls, Blutdruck und normale Temperatur hält, eigentlich eine neurotische Norm ist“. Logisch ;-)

Besonders aufschlußreich sind die Ergebnisse der EEG-Aufzeichnungen: es kommt zu einer signifikanten Abnahme sowohl der Frequenz als auch der Amplitude der Wellen. Das bedeutet nichts anderes, als daß das Gehirn deaktiviert ist, so als befänden sich die „geheilten“ Patienten im Schlaf! Herskowitz merkt sarkastisch an:

Der hypothyreote Patient, zum Beispiel, hat im EEG eine niedrige Frequenz und eine niedrige Amplitude. Aber, was in diesem Zusammenhang wichtiger ist, der Patient, der eine Elektroschocktherapie durchgemacht hat, teilt dieses EEG mit Janovs Patienten! Auch im Verhalten ähnelt er ihnen. Er ist nicht verstimmt und relativ zufrieden. Er liegt herum und er strengt sich nicht an.

Herskowitz faßt das Ergebnis seiner intensiven Beschäftigung mit Janovs Therapie wie folgt zusammen:

Aus orgonomischer Sicht ist die Primärtherapie ein erbarmungsloser, brutaler, unüberlegter Angriff auf den gepanzerten Organismus, der eine energetische „Reifenpanne“ verursacht und Patienten zurückläßt, die wie „geplatzte Reifen“ funktionieren. Durch die außerordentliche Stärke des Angriffs wird ein Teil der Panzerung versehentlich zerstört, sehr viel Energie entladen, und einige Symptome werden beseitigt. (…) [Janov] ist sich des empfindlichen Gleichgewichtes zwischen den Symptomen, der Abwehr und der Funktion des Organismus überhaupt nicht bewußt. Seine therapeutische Methode hat (…) bewiesen, daß, wenn man einen erbarmungslosen Angriff gegen die schützende Panzerung energisch durchführt, man zwar Symptome beseitigen kann, aber daß das den Organismus unfähig macht eine energetische Ladung zu halten, wie es durch den gesenkten Puls, die gesenkte Temperatur und die EEG-Muster, als auch durch das klinische Bild gezeigt wurde.

Man siehe dazu auch meine Ausführungen über Heiko Lasseks famose Variante der Orgontherapie!

Modju als „Orgontherapeut“ (Teil 1): Bioenergetische Analyse aus orgonomischer Sicht

27. September 2014

Das folgende geht auf eine anonym herausgegebene Broschüre zurück, die irgendwann in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre herausgekommen sein muß und die neulich „in meine Hände fiel“. Die Überschrift lautet Bioenergetische Analyse und Primärtherapie aus orgonomischer Sicht. Es handelt sich dabei um die Übersetzungen zweier Buchbesprechungen aus dem Journal of Orgonomy. Alexander Lowens Bücher Körperausdruck und Persönlichkeit und Bioenergetik werden von Richard A. Blasband besprochen (Vol. 9, No. 2, Nov. 1975) und Arthur Janovs Bücher Der Urschrei und Die Anatomie der Neurose von Morton Herskowitz (Vol. 6, No. 2, Nov. 1972).

Trotz allem großen Brimborium um die „Weiterentwicklung“ der „Reichianischen“ Therapie hat sich seit den 1970er Jahren nichts wirklich Einschneidendes getan, so daß diese beiden Besprechungen so noch gültig sind. Heute soll es um Lowen gehen, morgen um Janov.

Lowens Bioenergetische Analyse basiere auf einer Synthese der psychoanalytischen Theorie, Lowens Auffassung der charakteranalytischen Vegetotherapie von Reich und Lowens eigenen Entdeckungen über die Struktur des Organismus. Bei allen oberflächlichen Ähnlichkeiten ist Lowen aber, so Blasband, kein Vertreter der Orgonomie. Natürlich würde Lowen dem selbst zustimmen, da er mit der von ihm entwickelte Therapie die psychiatrische Orgontherapie weit hinter sich gelassen habe, was die Charakterologie, den Blick auf die biophysische Struktur des Organismus und die therapeutische Zielsetzung und die Techniken betrifft.

Blasband:

Bioenergetische Analyse, soweit sie sich von der Orgontherapie unterscheidet, wuchs aus Lowens Versuch, sagt er, sich selbst von den während der Therapie von Reich nicht aufgelösten Hemmungen zu befreien. Reichs Praxis zu dieser Zeit (Ende der 1940er Jahre) war das Experiment mit schneller Entpanzerung des Patienten den Orgasmusreflex hervorzulocken und den Patienten Genitalität selbst strukturieren zu lassen. Lowen erklärt, daß er bis zum Durchbruch des Orgasmusreflexes kam, aber die Therapie nie abschloß.

Später warf Lowen Reich vor, nicht genügend am Charakter zu arbeiten. In dem Versuch sich mittels Massage selbst zu heilen, entdeckte Lowen, zusammen mit einem Kollegen (John Pierrakos), die „Streßpositionen“, die das therapeutische Kernelement der Lowenschen „Bioenergetik“ ausmachen. Der Orgasmusreflex und das Erreichen der Genitalität geriet vollkommen aus dem Blickfeld: von nun an drehte sich alles um Muskelverspannungen und ihre Auflösung – nicht mehr um die Funktion dieser Muskelverspannungen.

Grob kann man die Szene der „Reichianischen Körpertherapeuten“ seit den 1970er Jahren in zwei Fraktionen aufteilen: jene, die ohne große Umwege „orgonomisch-orthodox“ den Orgasmusreflex freilegen wollen und jene, die „wertfrei“, frei nach Lowen, Muskelverspannungen auflösen wollen.

Zurück zu Blasbands Darstellung: Lowens Therapieziel ist nicht mehr die orgastische Potenz, sondern „Persönlichkeitsveränderung“. Er behauptet beispielsweise (genau wie einst Reichs psychoanalytische Kollegen), er würde viele Leute kennen, die das genitale Primat erreicht hätten, aber trotzdem neurotisch seien. Wie Blasband hervorhebt, widerspricht sich Lowen dabei selbst, denn andererseits betrachtet er das „genitale Primat“ als unerreichbares Ziel…

Ähnlich geht Lowen mit der Orgonenergie um: Anfangs war es ihm gleichgültig, wie die „Bioenergie“ der „Bioenergetik“ konkret aussah, später erwähnt er zwar die Orgonenergie, doch hat sie für ihn die gleiche Bedeutung wie abstrakte Konzepte etwa „Eros“ oder mechanische Gegebenheiten wie „Sauerstoff“.

Indem Lowen die beiden Anstoß erregenden Elemente in Reichs Lebenswerk beseitigt hat (die Genitalität und die Orgonenergie), wurde er ungemein populär – nicht zuletzt bei sogenannten „Reichianern“.

Lowen ist auch deshalb so beliebt, weil er wild alles zusammenwürfelte, etwa Psychoanalyse und Orgonomie, und so alles für die Praxis unbrauchbar machte, während sich das Gehirn theoretischen Verrenkungen hingeben konnte. Beispielsweise setzt er das bioenergetische Zentrum mit dem Freudschen „Es“ gleich, die gepanzerte Muskulatur mit dem „Über-Ich“ und die Haut mit dem „Ich“. Das sind Halbwahrheiten und grobe Fehler, die nur Verwirrung stiften. Genauso wie etwa Lowens Vorstellung einer „Pendelbewegung“ zwischen Gehirn und Becken. „Gehirn und Becken werden als Reservoirs betrachtet, die wie elektrische Kondensatoren funktionieren: daß die Fähigkeit an einem Ende Ladung zu halten dasselbe sei, wie die Fähigkeit die Ladung am anderen Ende zu halten.“ Das Herz sei das Zentrum, in dem die Bioenergie ihre Schwingung beginnt.

Daran schließen sich dann die für „Reichianer“ so typischen abstrusen Theorien über Energiebewegungen im Körper an: zarte Impulse gehen vom Herzen aus und bewegen sich an der Vorderseite des Körpers, aggressive Impulse am Rücken. Alle Emotionen seien Ergebnis der Verschmelzung von Zärtlichkeit und Aggression. Reichs Konzepte hingegen seien einseitig lustorientiert gewesen („Lustprinzip“) und würden nicht zu einer ausreichenden Auseinandersetzung mit der Realität führen („Realitätsprinzip“).

Blasband weist darauf hin, daß das alles Entstellungen von Dingen sind, die sich bei Reich finden. Der Solar plexus, nicht das Herz, ist das bioenergetische Zentrum des Körpers. Die gesamte Charakteranalyse handelt von der Auseinandersetzung mit der Realität („Außenwelt“). Die Bewältigung der Realität kann man nicht auf das „Pendeln“ der Energie hin zum Kopf reduzieren. Blasband weist darauf hin, daß Psychotiker realitätstüchtiger werden, wenn die übermäßige Ladung des Kopfes zum Becken heruntergezogen wird.

Man sieht: Lowen spielt auf grobmechanische Weise mit Versatzstücken der Orgonomie und verwirrt das ganze zusätzlich mit eigenen „Eingebungen“, statt schlicht den Funktionen, dem energetischen Vorgängen im Organismus zu folgen.

Lowens Charakterologie ist unbrauchbar, da Menschen mechanisch in Gruppen eingeteilt werden. Beispielsweise behauptet Lowen pauschal, daß Phalliker realitätstüchtig sind, die prägenital organsierten Masochisten jedoch realitätsuntüchtig. Nun gibt es aber, so Blasband, schwache Phalliker, die nichts auf die Reihe kriegen, während der eine oder andere Masochist durchaus erfolgreich im Leben ist. Stattdessen sieht Lowen geradezu eine Hierarchie der Charaktertypen. In der Orgonomie ist der Charakter mit keinerlei wie auch immer gearteter Wertung verbunden. Beispielseise kann ein „okularer“ schizophrener Charakter die Genitalität erreichen, während eine „genitale“ Hysterikerin auf ewig von der Genitalität weglaufen und deshalb letztendlich untherapierbar sein kann.

Lowen bringt es fertig, einen „rigiden Charaktertyp“ zu postulieren, in dem der phallische Charakter, der hysterische Charakter und der Zwangscharakter Reichs aufgehen. Es gehört schon was dazu, eine Hysterikerin als „affektgesperrt“ zu betrachten! Reaktionsbildung findet sich typischerweise beim Zwangscharakter. Es lohnt sich einfach nicht, sich mit diesem degoutanten Mist auseinanderzusetzen. Blasband:

Lowens Diskussion des schizoiden und schizophrenen Charakters ist verwirrend. Die Erscheinung der blockierten Augenpartie ist richtig beschrieben, aber die große ätiologische Bedeutung dieser Blockierung ist kaum erwähnt. Vielmehr beschreibt Lowen die spezifische funktionelle Störung in der Schizophrenie als die „Loslösung der Arme vom Körper“.

Lowen kennt weder die segmentäre Anordnung der Panzerung, die Schichtung der Emotionen, das Problem von Kontakt, Kontaktlosigkeit und Ersatzkontakt, die Anorgonomie, das geordnete Auflösen der Widerstände; daß man zuerst prägenitale Konflikte auflösen muß, bevor man genitale angeht, daß man entsprechend biophysisch vom Kopf zum Becken fortschreiten muß – stattdessen steht bei Lowen routinemäßig die Öffnung des Beckens am Anfang! Das wird u.a. mit der notwendigen „Erdung“ begründet. Ein Konzept, für das es außerhalb von Lowens ausufernder Metaphorik keinerlei klinische Belege gibt. Im übrigen ist das Mobilisieren des Beckensegments gleich am Anfang der Therapie ein extrem gefährliches Unternehmen, das fast zwangsläufig zu einer verstärkten Augenpanzerung, der damit einhergehenden Kontaktlosigkeit, der Gefahr eines psychotischen Zusammenbruchs, etc.pp. einhergeht. Man kann kaum verantwortungsloser vorgehen als Lowen es tat und seine Schüler es noch immer tun!

Was die „bioenergetischen“ Körperübungen und „Streßpositionen“ betrifft, schreibt Blasband:

Ihre Verwendung in der bioenergetischen Analyse (…) gibt Anlaß zur Beunruhigung. Und zwar deswegen, weil die Übungen (…) in mechanistischen Begriffen verstanden werden und zum größten Teil Positionen verwendet werden, die zum natürlichen Energiefluß im Körper in Gegensatz stehen. Man bekommt hier kein Gefühl für zärtlichen, nachgiebigen, natürIichen Körperausdruck. Sie erscheinen erzwungen (…), mechanisch und gefühllos, eher dazu ersonnen Spontaneität zu unterdrücken, als sie zu befreien.

Orgonomie und Religion

26. September 2014

Elsworth F. Baker zufolge erhält sich die gepanzerte Gesellschaft durch drei Tabus: Politik (die angeblich rational ist), Religion (über die man angeblich nicht reden kann) und Sexualität (die in jeder ihrer Formen angeblich gesund ist). Reich hat die Sexualität klassifiziert, Baker die Politik, aber interessanterweise hat sich noch kein Orgonom recht an die Religion gewagt. Aus irgendeinem Grund ist es das tiefste Tabu, tiefer als die Sexualität. Gegenüber seiner Sekretärin und Geliebten Lois Wyvell hat Reich in diese Richtung spekuliert.

Jede Form von „Spiritualität“ ist indiskutabel, wenn sie beinhaltet, daß in den Menschen „psychische Instanzen“ installiert werden, die ihnen ihre Seele, d.h. ihre Fähigkeit zur Selbstregulierung, nehmen. Die östlichen Meditationspraktiken sind die bisher ausgefeilste und bei weitem perfideste Form, die Menschen (im Namen von „spiritueller Freiheit“!) zu versklaven. Siehe dazu beispielsweise meine Besprechung von V. & V. Trimondi: Hitler, Buddha, Krishna.

Der zutiefst „anti-orgonomische“ Charakter des Buddhismus wurde in Die Massenpsychologie des Buddhismus bloßgelegt. Was den Hinduismus und seine „guruistischen“ Ausläufer im Westen betrifft sei nur darauf verwiesen, daß durchweg alle europäischen Beobachter, die nicht gerade auf einer „spirituellen Suche“ waren, unisono festgestellt haben, daß es kein traurigeres Volk als das der Inder gibt. Sie sind in einem Alptraum aus Aberglauben, Fatalismus, mörderischem Frauenhaß und Rassismus (das Apartheid-System der Kasten) gefangen. Ähnliches läßt sich über den chinesischen „Universismus“ sagen (Pseudo-Buddhismus, Konfuzianismus, Taoismus). Aus orgonomischer Sicht besonders interessant ist, daß in China, genauso wie in Indien und Tibet, die gesamte „Spiritualität“ imgrunde „Sexual-Allchimie“ ist: die Umwandlung zurückgehaltenen Spermas in „spirituelle“ Kraft und die vampirhafte Ausbeutung der weiblichen Sexualenergien.

Überhaupt steht hinter allen sogenannten „spirituellen“ Wegen nichts anderes als sexuelle Perversion. Man nehme etwa den Sufismus, der nichts anderes ist als mehr oder weniger sublimierte Homosexualität. Dazu empfehle ich den überaus lesenswerten Artikel Sufism, Sodomy and Satan von Spengler. Man betrachte sich doch die Reihe der Heiligen und Gurus Indiens: eine Aufreihung von Perversen, Betrügern, Psychopathen und anderen häßlichen Seelen. Sie schauen wie Charles Manson aus der Wäsche.

kataq

Der Islam ist weniger eine Religion, sondern eine extremistische polit-kriminelle Bewegung mit „spirituellen“ Anteilen und ähnelt darin dem Nationalsozialismus. Die islamische Zeitrechung beginnt nicht etwa mit der „Offenbarung“ der ersten Sure oder sonst einem religiösen Ereignis, sondern mit dem Zeitpunkt, als der in seiner Heimatstadt kläglich gescheiterte „Prophet“ Mohammed mit seiner politischen Laufbahn in einer Nachbarstadt begann. Auf eine „Reformation“ des Islam zu warten, zeugt von erschreckender Unkenntnis. Die beiden Reformer des Islam, d.h. diejenigen, die zurück zu den Quellen gegangen sind, waren der Begründer des Wahabismus (Saudi Arabien) und Khomeini (Iran). Al Qaeda (Sunna) und die Hisbola (Shia) sind die Speerspitzen der islamischen Reformation! Islamische Bewegungen, die beispielsweise den Dschihad „vergeistigt“ haben, etwa die Ismailiten unter dem Aga Khan oder die Achmediyya-Bewegung, dienen kaum mehr als der Bereicherung des Imams bzw. „Kalifen“. Und wer auf den Sufismus verweist: die Grundanschauung unterscheidet sich kaum vom Zen – inklusive der Kriegerideologie.

Für Moslems sind wir keine Mitmenschen! Der Gruß „Friede mit Dir!“ darf ein Moslem nur an einen anderen Moslem richten. Verträge mit „Ungläubigen“ werden nur aus der Position der Schwäche geschlossen – hat der Moslem, bzw. natürlich die Umma (die Gemeinschaft der Gläubigen), die Oberhand gewonnen, sind diese Verträge null und nichtig. Freundliche „Einladungen“, den Islam anzunehmen, sind Kriegserklärungen – wer dieser „Einladung“ nicht folge leistet, wird unterworfen und, wenn er sich wehrt, getötet. Die Scharia dreht sich hauptsächlich darum, Kinder (sic!, Mohammed heiratete eine 6jährige, Khomeini eine 10jährige) und Frauen sexuell auszubeuten. Man betrachte nur die pornographische Paradiesvorstellung. Weil Muslima Gebärmaschinen sind, werden Christen zu einer bedrohten Minderheit. Der Islam wird in Europa genauso „demokratisch“ an die Macht kommen, wie Lenin und Hitler demokratisch die Macht ergriffen.

Nach dieser Tour de Force durch die Abgründe der menschlichen Niedertracht („Religion“) wenden wir uns nun dem Christentum zu. Am Christentum ist dreierlei „orgonomisch“:

  1. Im Gegensatz zu ausnahmslos allen anderen bedeutenden Religionen gibt es keine Speisevorschriften, keine Genitalverstümmelungen, Kleiderordnungen oder andere Absonderlichkeiten: man braucht sich nicht abmühen, um „Gott gefällig“ zu sein und hat keine „Sünden“ abzuarbeiten. Christus hat sich für den Gläubigen geopfert und damit alle Schuld gegen Gott abgetragen. Nach dem Erscheinen des Messias, hat „Religion“ ihren Sinn verloren.
  2. Im Gegensatz zu anderen Religionen gibt es eine persönliche Beziehung zu Gott, d.h. die Emotion, im Unterschied zur bloßen „Überwältigung“ (Sensation), steht im Mittelpunkt. Gott ist prinzipiell erkennbar, d.h. man kann Kontakt mit ihm aufnehmen. (Der christliche Gott ist nicht allmächtig: er kann nicht böse sein, nicht in die Irre führen, sich in keine logischen Widersprüche verfangen, die mit „Allmacht“ einhergehen – er widerspricht nicht den Naturgesetzen.)
  3. Im Gegensatz zu anderen Religionen steht das Problem der Genitalität im Mittelpunkt – man lese Reichs Christusmord oder denke daran, wie zentral das „Christuskind“ ist: das Kind der Zukunft. Gleichzeitig ist das Christentum dezidiert „nicht-sexuell“ (wenn man von Absonderlichkeiten der katholischen und protestantischen Mystik absieht!), d.h. es ist in einem geringeren Ausmaß eine sexuelle Perversion als andere Religionen.

Interessanterweise sind alle sektiererischen Abspaltungen vom Christentum dadurch gekennzeichnet, daß diese drei zentralen Elemente des Christentums infrage gestellt werden. Man betrachte nur die Doktrinen der Siebenten Tags Adventisten und Zeugen Jehovas: die „Gläubigen“ müssen sich für Gottes Gnade abstrampeln, Gott ist ungefähr so weit weg wie Allah für Moslems und Christus wird zum Erzengel Michael: eine bloße Schachfigur in Gottes albtraumhaften „Heilsplan“.

Es ist kein Zufall, daß fast alle großen Naturforscher gläubige Christen waren und daß keine andere Kultur, weder die Antike, noch die Inder, Chinesen oder Moslems auch nur ansatzweise so etwas wie eine Naturwissenschaft hervorgebracht haben. In diesen Kulturen bestand schlicht nicht genug Freiraum, da alles lückenlos von „Spiritualität“ durchdrungen war. Warum sich mit der Natur beschäftigen, wenn man eh schon alles erklären kann, wie bei den Chinesen, die gnadenlos alles vermenschlicht haben, bis nichts Fremdes übrigblieb, bzw. alles unmittelbar von einem willkürlichen, prinzipiell unerkennbaren Gott bestimmt wird, wie im Islam?

Einzig und allein das Christentum schuf den Freiraum, in dem sich die Naturwissenschaft entfalten konnte. Es wäre nur folgerichtig, wenn diese das Christentum und damit überhaupt jedwede „Spiritualität“ verdrängen würde. Daß dies nicht der Fall ist – diese Vorstellung ganz im Gegenteil sogar etwas Abstoßendes hat – liegt daran, daß die gängige Naturwissenschaft sozusagen halbseitig gelähmt ist: niemand wagt die gesellschaftspolitischen Konsequenzen aus den Forschungsergebnissen zu ziehen und sich mit dem „persönlichen Glauben“ auseinanderzusetzen. Das überläßt man der Religion, die ihrerseits „Cäsar gab, was Cäsar gehörte“. Man kann Nuklearphysiker sein und gleichzeitig fundamentalistischer Christ, genauso wie umgekehrt ein fundamentalistischer Christ ohne Probleme Nuklearphysiker sein kann. Reich war bisher der einzige, der diese „Machtteilung“ ignoriert hat. Entsprechend wurde und wird er gnadenlos verfolgt.

Wer nun auf militante Atheisten, meistens Evolutionsbiologen, verweist, etwa auf Richard Dawkins: – diese Leugner einer Seele, diese Verfechter eines leeren („gottlosen“) Welt, haben sich streng ans „Konkordat“ gehalten, d.h. „die Seele“ draußen vor gelassen. Sie haben die Orgonenergie („Gott“) ignoriert, die bisher von den Religionen und „spirituellen Bewegungen“ vereinnahmt wurde. Die Wissenschaft von der Orgonenergie ist auch ihr Ende.

Die biosoziale Grundlage der Familien- und Paartherapie (Teil 8)

25. September 2014

DIE ZEITSCHRIFT FÜR ORGONOMIE

Peter Crist: Die biosoziale Grundlage der Familien- und Paartherapie (Teil 8)

acologo

Gegenorgonomie (Teil 2)

24. September 2014

Bereits Reich selbst mußte mit der sich formenden „Gegenorgonomie“ ringen. Beispielsweise hat er sich vehement gegen die „Urreichianer“ Paul Ritter und David Boadella gewehrt.

Reich zitiert in seinem Orgone Energy Bulletin (Vol. IV) den Partisan Review (1952):

An der Universität (…) wurde Billie (…) in die avangardistische Welt von Rimbaud und Wilhelm Reich eingeführt.

An der gleichen Stelle bespricht Reich das Buch Faces in the Crowd (1952) von David Riesman:

Eine der Personen, die er untersucht, ist ein heranwachsender Junge, der ein „Reichianer“ ist. (…) Es hat (…) seinen Wert für die Beschreibung wie der „Reichianismus“ sich einem heranwachsenden Jungen darstellt und fügt eine weitere Illustration in bezug auf die Verdrehung der Sexualökonomie durch die Leute hinzu.

Baker schrieb Anfang der 60er Jahre:

Nur die „abscheulichste Entstellung“ orgonomischer Wahrheit (…) könnte [Reichs] Arbeit, seine Denkweise und seine Hoffnungen für die Menschheit mit denen moderner Liberaler, Linker und Beatnik-Bohemiens gleichsetzen, die auf die eine oder andere Weise versucht haben, sich mit der Orgonomie zu identifizieren. (Der Mensch in der Falle)

Zu diesen Leuten gehörten William Burroughs (Yage Letters), Ed Sanders und Tuli Kupferberg (The Fugs), Paul Goodman, Norman Mailer („Der apokalyptische Orgasmus.“ „Jazz ist Orgasmus.“) und viele andere.

In dem Film WR – Die Mysterien des Organismus (1971) von Dusan Makevejew, der ein polymorph-perverses Bild der Orgonomie präsentiert, war der genannte Tuli Kupferberg zu sehen. Helmut Salzinger (Rock um die Uhr, Head Farm, Odisheim 1982) zitiert ihn wie folgt:

„Ich sage (…) das Ziel der Revolution ist die Abschaffung der Onanie.“ Und seine Version der Internationale heißt „Intersexionale“ (…) „Es sind die kranken und sexlosen Seelen, die den Krieg verursachen,“ sagt Kupferberg und bringt damit die Lehre des Psychoanalytikers und abtrünnigen Freud-Schülers Wilhelm Reich auf einen einzigen Satz.

Für Reich war, wie er einmal seiner zeitweiligen Sekretärin Lois Wyvell sagte, Jazz und Rock „Ficker-Musik“.

Die englische Gruppe Hawkwind sang auf der 1973 erschienenen LP Masters of the Universe über einem entsprechend treibenden Baß-Riff in ihrem Song Orgone Accumulator:

I’ve got an orgone accumulator and it makes me feel greater.

Mag sein, daß hier Boadellas Einfluß im Swinging London zum Tragen kam. Wie vielleicht auch im autobiographischen Buch Groupie (1969) von Jenny Fabian, wo einer auftritt, der Wilhelm Reich studierte, „Vorlesungen über ihn“ belegt, einen ORAC gebastelt hat und verzweifelt versucht, sie klitoral orgasmisch zu machen.

1975 hat die Para-Punk-Sängerin Patti Smith den Song Birdland veröffentlicht, der, inspiriert durch Peter Reichs Erinnerungen an seinen Vater in A Book of Dreams (deutsch Der Traumvater, München 1975), von Wilhelm Reich und UFOs handelte.

Zehn Jahre später wurde die Pop-Sängerin Kate Bush durch das Buch zu ihrem Song Cloudbusting inspiriert. Im dazugehörenden Videoclip ist Donald Sutherland als Reich zu sehen, der mit seinem Sohn Peter an einem schrullig-viktorianischen Ding herumhantiert, das entfernt wie ein Cloudbuster aussieht. Schließlich wird er von Regierungsbeamten wegen dieser Tätigkeit verhaftet. Eingebaut in die Szenenfolge ist ein Exemplar von A Books of Dreams und ein Foto von Reich und Peter zu sehen.

Es geht wohl noch an, wenn sich Neurotiker gegenseitig quälen, aber leider wird es immer offensichtlicher, daß die menschliche Struktur für die Aktivitäten der Reichianer ein viel zu beschränktes Feld ist. Es beginnt mit medizinischen Quacksalbern und endet bei Cloudbuster-Dilettanten, die die atmosphärische Situation nur verschlimmern und ganze Landschaften gefährden!

Man sollte nie aus den Augen verlieren, daß der Reich-Cloudbuster das machtvollste Instrument der Orgonomie ist und daß die Orgonenergie der Ursprung aller anderen Energiearten, einschließlich der Nuklearenergie, ist. Der Orgoningenieur hantiert mit der größten Macht, die je dem Menschen zur Hand gereicht wurde. Jeder Orkan, der von einem Cloudbuster-Operateur umgelenkt wird, hat mehr Energie als Hunderte von Atombomben.

Dem Reichianischen Magazin emotion (Nr. 3, 1981) habe ich den folgenden Ausschnitt aus einem Interview mit den französischen Reichianern Roger Dadoun und Gerard Ponthieu (dem Directeur de la Publication der eingegangenen Reichianischen Zeitschrift La Revue Sexpol) entnommen. Er handelt von einer Cloudbuster-Operation ihres „Laboratoire d’Orgonomie Generale“ (später „Laboratoire d’OrthoGenetique“):

In Frankreich existiert eine Gruppe, die mit den „Cloudbustern“ (von Reich entwickelte Geräte zur Beeinflussung des Wetters [natürlich hat er sie entwickelt, um DOR zu beseitigen, PN]) arbeitet. Vergangene Woche war ich mit diesen Leuten zusammen in der Provinz, auf dem Land, um diese Geräte einzusetzen. (…) Dreimal hat es funktioniert, aber klimatologisch hat es Probleme gegeben. Der Himmel war zu geladen. Die atmosphärische Zusammensetzung hat sich sehr stark verändert aufgrund der sogenannten atomaren Experimente. Das gleiche trifft auch für die Orgonenergie zu. [sic!] Die Radioaktivität ist so stark geworden, daß es immer schwieriger wird festzustellen, wann man damit operieren kann. In einem bestimmten Augenblick gab es ein solches Unwohlsein um diesen „Cloudbuster“ herum, daß man die gesamte Arbeit unterbrechen mußte. Obwohl man in diesem konkreten Fall nicht von Radioaktivität sprechen konnte, denn die Geigerzähler zeigte keinen wesentlichen Ausschlag. [...] Der Himmel war zu beeinträchtigt, um eine Serie von interessanten Experimenten machen zu können. Außerdem braucht man eine ganze Anzahl von „Cloudbustern“. Das war ja immer der Ausgangspunkt von Reich, mehrere von diesen Geräten zu haben, um interessante Experimente machen zu können. Das war bei uns nicht der Fall.

Wozu gebraucht man einen Cloudbuster eigentlich, wenn nicht die atmosphärische VerDORung einen dazu zwingt?! Und ist es in diesem Zusammenhang wirklich angebracht von „interessanten Experimenten“ zu sprechen?

Im Reichianichen Magazin Wilhelm Reich Blätter erschien 1980 (Heft 3) die folgende Anzeige:

Suche erfahrenen Partner für Cloudbuster-Versuche im August 1981 auf Formentera (Balearen). Unterbringung geregelt.

In einem nicht datierten Brief an „die Unterstützer des Life Energy Action and Research Network“ (das das eingestellte International Journal of Life Energy herausgab) wurde das folgende bekanntgemacht:

Obwohl wir zur Zeit nicht publizieren, ist LEARN immer noch eine Organisation für Reichianische Forschung. Diesen Sommer [1981] hoffen wir zur Kontrolle des Wetters [mit dem Cloudbuster] zu kommen.

Es gibt kein größeres Verbrechen als das Herummanipulieren an den uns allen gemeinsamen Quellen des Lebens. Doch genau dies wird Tag für Tag von diesen Reichianischen Autoritäten angestrebt. Und mit was für einer Grundeinstellung!

Der Berliner „Künstler“ Christoph Keller hat 2003 in New York „Wilhelm Reichs Regenmacher-Maschine“ „reaktiviert“.

Keller habe den Cloudbuster „rekonstruiert“ und in den letzten Monaten „Experimente“ auf den Dächern von New Yorker Wolkenkratzern durchgeführt.

Wie es der Zufall will, trafen seine Experimente mit einer nahezu präzedenzlosen Schlechtwetterperiode zusammen. (…) Keller erinnert mit der Wiederaufführung der „Cloudbuster“-Experimente daran, daß der Himmel (…) wie das unterdrückte Unterbewußte anmutet, das es mittels angewandter Orgonpraxis zu entladen, ja, zu befreien galt.

Diese zwei Teile über die „Gegenorgonomie“ waren eine geradezu lächerlich oberflächliche Skizze des Phänomens „Reichianismus“. Vertieft wird das in der umfangreichen Sammlung meiner Rezensionen „Reichianischer Bücher“.

Gegenorgonomie (Teil 1)

23. September 2014

Erst jetzt ist mir eine Zeitschrift in die Hände gefallen, die mich Anfang der 1980er Jahre sehr interessiert hat: das von Peter Jones herausgegebene Orgonomy, von dem m.W. nur eine einzige Nummer erschienen ist, No. 1, Spring 1981.

Ich habe das kleine Heftchen nun mit großem Interesse in die Hand genommen – und war schnell enttäuscht. Es ist wirklich kaum möglich, nicht übellaunig zu werden, wenn man das Zeugs von Leuten liest, die im Namen Wilhelm Reichs sprechen, ohne ihm zumindest den Respekt einer gründlichen Lektüre entgegenzubringen. Hätte es Elsworth F. Baker und das American College of Orgonomy nie gegeben, wäre die Orgonomie heute flächendeckend ein schlechter Witz: sie würde sich aktiv am gesellschaftlichen Verfall beteiligen, d.h. sie wäre nichts weiter als Emotionelle Pest!

Daß ich erst jetzt, ein Vierteljahrhundert später, nein, um Gottes Willen, ein Dritteljahrhundert später – die Orgonomy bespreche, macht Sinn, weil man erst heute richtig wahrnehmen kann, was seit damals grundsätzlich falsch gelaufen ist.

Fangen wir mit Peter Jones‘ lesenswerten Überlegungen über „Orgonomie und Religion“ an. Ihm zufolge gibt es zwei Arten von Kulturen. Die „weichen“ Kulturen würden die Existenz einer Lebensenergie hinter den Naturprozessen anerkennen und hätten entsprechende religiöse Glaubensvorstellungen. „Harte“ Kulturen hingegen leugneten die Lebensenergie und ihre Religion spiegelte dies wider. „Unsere industrielle Zivilisation ist natürlich solch eine harte Kultur, aber es gibt Anzeichen, daß sie sich in manchen Bereichen in eine weiche umwandelt“ (S. 12).

Welche Bereiche sind das? Der Nationalsozialismus hat zweifellos eine „Lebensenergie“ anerkannt, waren deshalb Hitler und Himmler weich? Zeitzeugen werden sich erinnern, was der Begriff „weich“ Anfang der 1980er Jahre für eine Funktion hatte: der Faschismus (damals die Sowjetunion) sollte die Oberhand gewinnen. Wir fangen bei uns mit Abrüsten an…

Wenden wir uns dem Aufsatz von Bill West über „Politik, politische Einstellungen und Reich“ zu. Reich habe „richtigerweise“ darauf hingewiesen, daß viele Revolutionäre seiner Zeit zu sehr aus ihrer sekundären Schicht heraus gehandelt hätten, nicht aus „wahrer Liebe“. West verweist auf Stalin und den Stalinismus, doch habe beispielsweise Che Guevara gesagt, daß ein wahrer Revolutionär durch Liebe motiviert sei.

West führt auch aus, daß die soziale Fassade des „klassischen Liberalen“ einen „Faschisten“ verbirgt, d.h. die sekundäre Schicht. Was West nicht erkennt, ist, daß er selbst Opfer dieser Charakterschichtung ist, wenn er einen feigen stalinistischen Mörder wie Che Guevara ernst nimmt oder gar ausgerechnet die Hippies und Flower Power als Repräsentanten des bioenergetischen Kerns zeichnet. Er verwechselt die soziale Fassade, Kontaktlosigkeit und, noch schlimmer, eine Fassade, die zynisch im Dienste der sekundären Schicht operiert mit dem bioenergetischen Kern! Die Konservativen, die Reich zufolge als einzige nicht ihre Seele an den Teufel verkauft haben, werden von ihm hingegen als die Bösewichte gezeichnet, die gegenwärtig noch zu sehr aus ihrer sozialen Fassade heraus leben und noch nicht zu ihrem wahren Wesen, dem Faschismus durchgedrungen sind (S. 17).

Das ganze ist naiv und wirr – und, wie an anderer Stelle dargelegt, typischerweise narzißtisch: Reich habe „richtigerweise“ festgestellt… Gleich zu Anfang seines Aufsatzes macht West deutlich, daß er, West, den Begriff „Politik“ in einem anderen Sinn benutzt als Reich. Reichs Kritik an der Politik wäre politisch gewesen und hätte politische Konsequenzen…

Um das ganze abzurunden, folgt dem ein Artikel von Grazyna Kowszun über „Gender und körperliche Panzerung“. Es geht um die Frage, warum die Frauen keinen Kampf zu ihrer Befreiung organisieren konnten (S. 21).

Die Orgonenergie unterscheidet nicht zwischen den Geschlechtern. Gender sind sozial konstruiert, durch frühe Sozialisation in der patriarchalischen Kleinfamilie. Kulturelle Unterschiede sind immens und ich weiß nicht, ob es Charakterpanzerung speziell für Frauen gibt. Es ist jedoch unmöglich, daß in verschiedenen Kulturen Frauen ihrer Unterdrückung unterschiedlich erfahren ohne eine gemeinsame Grundform der Unterdrückung. Finden wir typische körperliche Manifestationen unserer Unterdrückung? (S. 21f)

Und dann geht es in unterschiedliche körperliche Details, als hätte man ein Buch von Alexander Lowen vor sich, statt einfach auf die unterschiedlichen Charakterstrukturen zu schauen. 80 Prozent aller Frauen sind Hysterikerinnen, 80 Prozent aller Männer sind Phalliker. Wie sich das körperlich für jeden sichtbar äußert, habe ich hier dargestellt.

Aber um solche funktionelle Überlegungen und Beobachtungen geht es den Autoren nicht, sondern vielmehr darum, die Orgonomie für die subversive „Emanzipationsbewegung“, d.h. letztendlich für den „politischen Kampf“, d.h. den Stalinismus fruchtbar zu machen!

Diese ganze Denkungsart findet sich 30 Jahre später beispielsweise in dem Film Wer hat Angst vor Wilhelm Reich.

Der Film wird eingeleitet mit einem Ausschnitt aus dem amerikanischen Kampf gegen die Pornographie, oder dem, was in der 1950er Jahren dazu gerechnet wurde. Ein Bild von Reich wird einem Bild von McCarthy gegenübergestellt. Wenn man die Szenenfolge sieht: es ist ein einziger Anti-Amerikanismus.

Gegen Ende des Films heißt es:

Nach 10 Jahren in den USA muß Reich feststellen, daß er in einem Land lebt, daß in der Ära des beginnenden Kalten Krieges gegen Andersdenkende, wie etwa Kommunisten vorzugehen gedenkt. In diesem Klima von biederer Anständigkeit und konservativer Moral werden Reichs Forschungen und Theorien zunehmend abgelehnt und angefeindet. Am 26. Mai 1947 erschien im New Republic-Magazin als Beginn einer langjährigen Hetzkampagne der Artikel „Der seltsame Fall Wilhelm Reich“ von Mildred Brady.

Nicht erwähnt wird, daß diese Zeitschrift das Organ der moskauhörigen Fellow Traveler war und Mildred Brady eine Kommunistin! Siehe auch meine Besprechung des parallel produzierten Spielfilms Der Fall Wilhelm Reich.

„Wer hat Angst vor Wilhelm Reich?“ Die Botschaft des Films lautet: das Establishment, die Kleinbürger, „Amerika“. Der Film handelt in Wirklichkeit gar nicht von Reich, sondern von den Träumern der 60er Jahre und ihren Nachgeburten. Sie selbst waren die Nachgeburt der „Beatniks“ und der „Gegenkultur“ der 50er Jahre, die Reich kompromißlos abgelehnt hat. Auch wollte er nichts von den anderen Heroen der späteren Studentenbewegung wissen. Aber wie endet der Film: Reich ist tot; unmittelbar die nächste Szene: Hippies, „Woodstock“, die 68er.

In der Anfangsszene wird ein (ziemlich merkwürdig aussehender) ORAC gezeigt und im Hintergrund ist die Stimme von Reich zu hören. Problem: das ist gar nicht die Stimme Reichs, obwohl die Einspielung auf „50er-Jahre-Tonqualität“ getrimmt wurde! Offenbar gab es Copyright-Probleme oder einen grandiosen Regieeinfall, aber warum wird man nicht darauf hingewiesen, daß Reichs Stimme nachgesprochen wird? Solche Manipulationen haben in einer Dokumentation keinen Platz. So etwas macht man einfach nicht. Punkt! (Später im Film erscheint eine weitere dieser trügerischen Audio-Einspielungen.)

Der Film nimmt seinen Lauf mit Interviewpartnern, die von Leben reden, die aber selbst durchweg „vom Leben enttäuscht“ und depressiv aussehen. Ich will niemanden zu nahe treten oder ein „Guck Dich doch selbst an!“ provozieren, – aber das war meine spontane Reaktion: „Das paßt nicht zusammen!“ Man drehe den Ton ab und lasse das Wie auf sich wirken!

Daß mein Eindruck richtig war, habe ich sofort gespürt, als die Arbeit von Thomas Harms und Eva Reich über Babys und Neurosenprophylaxe beschrieben wurde: plötzlich war der Film in sich stimmig, da die Interviewpartner zum Thema paßten. Das gleiche trifft auf die Beschreibung der Arbeit von Dr. Finn Skött Andersen in der dänischen Krebsklinik Humlegaarden zu, wo die Patienten u.a. mit dem Orgonenergie-Akkumulator behandelt werden.

Wenn ich demgegenüber die anderen Interviewpartner oder überhaupt „Reichianer“ sehe, fällt mir stets ihr unbewegliches okulares Segment auf.

Der Rest ist eine leidlich gelungene filmische Reich-Biographie. Das Grundproblem derartiger Filme ist, daß sich solche Themen weit besser für den Rundfunk eignen. Wie Textpassagen filmisch untermalen? Diese schwierige Aufgabe löst der Film ausgezeichnet. Und kleinere Verwerfungen, etwa ein Schild des Osloer „Instituts für sexualökonomische Lebensforschung – Biologisches Laboratorium“, das Reichs Sexualberatung im Wien der 20er Jahre illustrieren soll, sind zwar ärgerlich, aber aus dem genannten Grund fast unvermeidbar.

Manchmal wird dieser Kredit aber arg überzogen, etwa bei der Beschreibung der bio-elektrischen Untersuchungen. Sie wird von einem Filmausschnitt illustriert, der (so nehme ich an) einen Lügendetektortest zeigt. Das ist fast so grenzwertig wie der Anfang des Films mit der falschen Reich-Stimme. Zumal Reich keine „Hautwiderstandsmessungen“ vorgenommen hat, wie im Film behauptet wird.

Der Film ist viel zu lang. Wer wird sich das anschauen, außer „Reichianer“ oder bereits ohnehin am Thema Interessierte? Die Interviews sind auch inhaltlich fast durchweg nichtssagend, teilweise sogar ausgesprochen verwirrend. Ohne sie wäre der Film weitaus passabler. Sehenswert wird der Film vor allem durch einige Filmausschnitte und Photos mit Reich, die mir bisher unbekannt waren.

Chester M. Raphael und die Geburt Wilhelm Reichs: Dekonfiguration und Orgasmus – oder: ein weiterer Blogeintrag, der in post-koitaler Tristesse mündet ohne klarumrissenes Thema und viel zu langer, gewollt komischer Schwachsinnsüberschrift

22. September 2014

Im dritten Jahrgang von Reichs Orgone Energy Bulletin erschien im April 1951 der Artikel „Orgone Treatment During Labor: A Preliminary Report of Two Cases“. 1967 wurde er in Bakers Der Mensch in der Falle (München 1980) erneut abgedruckt. Bis heute ist er einer der zentralen Texte der Orgonomie. Raphael:

Ich habe von diesen beiden Fällen den Eindruck bekommen, daß durch die Herstellung der vollen Atmung, die Auflösung der akuten Panzerung, die Überwindung und Verhinderung der Rückzugstendenz und [der akuten] Kontraktion des Gesamtorganismus der Vorgang der Wehen und der Entbindung im allgemeinen sehr beschleunigt wird. Die Kenntnis des Orgasmusreflexes und der Anordnung der Panzerung in Segmenten, wie Wilhelm Reich sie entdeckt und beschrieben hat, ruft ein unmittelbares Verständnis für das Problem und die Technik hervor, die man anwenden muß, um während der Wehen Beistand zu leisten. Ohne diese Kenntnis muß der Arzt das Problem mit Verwirrung, Hilflosigkeit und Bestürzung betrachten. (Baker, S. 422f)

Leider hat Raphael später selbst für Verwirrung gesorgt bzw. Verwirrung aufgedeckt. So schrieb er an Myron Sharaf über dessen Reich-Biographie Fury on Earth:

Zum Schluß nun und in leichterer Stimmung eine technische Frage, die ich ganz zu Anfang schon andeutete. Im allerersten Abschnitt Ihrer Biographie erregte ein Hinweis meine Aufmerksamkeit, der mich vor ein Rätsel stellt. Sie erwähnten, daß Reich zu Hause geboren wurde und daß, obwohl es eine Routinegeburt war, doch etwas Ungewöhnliches dabei gewesen sei. Sie sagen, „sein Kopf sei nach der Geburt massiert und geformt worden, infolgedessen einige Verwachsungsnähte aufgetreten seien“. Sonderbar! Ich weiß nicht, ob Sie die Absicht hatten, dem eine Bedeutung beizumessen. Wenn ja, dann hätten Sie sich der Tatsachen sicher sein müssen, auch wenn Sie sagen, sie stammen von seiner Tochter, eine Ärztin – vermutlich eine zuverlässige Quelle. Ich habe jedoch nie davon gehört, daß der Kopf eines Neugeborenen nach der Geburt geformt wird (manchmal trägt der Druck der Lage dazu bei). Und massiert, nebenbei! Bei allen Neugeborenen wird der Kopf mehr oder weniger beim Durchtritt durch den Geburtskanal verformt, aber nicht nach der Geburt. Dann sagen Sie: „infolgedessen seien Verwachsungsnähte aufgetreten“. Beziehen Sie sich hier nicht fälschlicherweise auf die Tatsache, daß die Schädelknochen bei der Geburt noch nicht geschlossen, sondern durch membranöse Nähte miteinander verbunden sind, die sich erst allmählich schließen? Dies sind keine chirurgischen Nähte, sondern anatomische. (Raphael: „Buchkritik“, Lebensenergie. Zeitschrift für Orgonomie, Bd. 5, 1995)

Eva Reich hatte z.B. auf folgende Frage geantwortet:

F: Da viele Kinder mit Köpfen geboren werden, die aufgrund des Drucks verformt sind, massierst du überhaupt jemals ihren Kopf unmittelbar nach der Geburt? (…)
A: Es wird als „moulding“ bezeichnet. (…) Ich kann euch eine interessante Geschichte erzählen: als Wilhelm Reich geboren wurde, wurde sein Kopf wieder in Form gebracht, sie massierten seinen Kopf nach der Geburt, was, wie ich finde, sehr interessant ist, weil sein Kopf wirklich funktionierte, er konnte wirklich denken. Ich denke, es kann sehr gut sein, einiges davon zu tun, aber bitte keinen Druck ausüben, da innerhalb eines Tages, oder so, diese Deformation sich selbst korrigiert. Aber ich denke, sanft, sehr sanft, ich würde es nicht zurückdrücken, aber es gibt viele Stämme, die in die andere Richtung gehen [d.h. die Verformung verstärken]. Sie mögen flache Köpfe und die Ägypter lange Köpfe und sie haben diese Formbarkeit des Schädels genutzt, um ihn in einige Formen zu bringen, was meiner Meinung nach schlecht ist. (Eva Reich: „Prevention of Neurosis: Self-regulation from Birth On“, Journal of Biodynamic Psychology, No. 1, Spring 1980)

Wie das konkret aussieht, kann man hier und hier ^sehen.

Ärzte schreiben dazu:

Der Schädel des Neugeborenen reagiert sehr empfindlich auf die Kräfte, die während der Wehenarbeit auf ihn einwirken.
Bei der Geburt kommt es zu Deformierungen des kindlichen Kopfes und der Wirbelsäule. Dieser normale Vorgang wird als Geburtskonfiguration bezeichnet und ist notwendig, damit sich der Kopf und der Körper des Kindes den Verhältnissen des mütterlichen Beckens anpassen können. So wird die Geburt erst möglich. Im Regelfall nimmt der Kopf des Kindes innerhalb der ersten Woche nach der Geburt die vorgeburtliche Form wieder an. Dieser Vorgang wird als Dekonfiguration bezeichnet.

Elsworth F. Baker hat in Der Mensch in der Falle zur Funktion des Orgasmus geschrieben:

Zur Aufrechterhaltung der Gesundheit braucht der Mensch in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen orgastische Entladung, je nach den Umständen, die andere Mechanismen der Energieabfuhr bestimmen, und je nach der verfügbaren Energiemenge. Abgesehen von der Geburt eines Kindes ist der Orgasmus der einzige Mechanismus, der in der Lage ist, alle überschüssige Energie abzuführen und ein ökonomisches Energieniveau zu gewährleisten. (S. 54)

In seiner ausufernden Kritik an Bakers Buch hat Raphael dazu apodiktisch geschrieben:

Der Versuch ist absurd, die Geburt, die mit einem immensen Ausstoßen von Stoffen verbunden ist, mit dem intensiv lustvollen bioenergetische Prozeß, der am Orgasmus beteiligt ist, gleichzusetzen. Auch nur diese Andeutung eines Vergleichs zwischen den beiden ist so willkürlich und falsch, wie es der Vergleich des Orgasmus mit Wasserlassen oder Stuhlgang wäre. Die Lustfunktion ist möglicherweise in allen Entladungsfunktionen am Werk, aber der Vergleich endet dort. (Raphael: Wilhelm Reich: Misconstrued – Misesteemed, Jamaica, NY, S. 27)

Wirklich? Michel Odent schreibt über den Grundkonflikt schlechthin:

raphaellebenemotion

In einem Londoner Krankenhaus stand eine Frau kurz davor, ihr erstes Kind zu gebären. Eine Hebammenschülerin, eine erfahrene Doula (Geburtsbegleiterin) und der Vater hielten sich, für die Gebärende unsichtbar, schweigend im Hintergrund, um an der Sakralität des Augenblicks teilzuhaben. Als die werdende Mutter, die aufrecht dastand, in ihrer Ekstase begann, Sätze wie „Das ist so schön!“, „Es ist wie miteinander schlafen“ und „Das Baby kommt“ zu stammeln, und als der Damm sich gerade zu weiten begann, flog plötzlich die Tür auf. Eine Ärztin stürmte zur Tür herein und rief: „Ich muß eine Untersuchung machen. Sie müssen sich auf den Tisch legen.“ Die Gebärende sagte mehrmals in beschwörendem Ton: „Bitte, bitte, ich flehe Sie an, ich flehe Sie an…“ Bald darauf war dann eine Infusion mit synthetischem Oxytozin nötig, um das Baby herauszuholen… Einen Orgasmus zu unterbrechen ist wahrlich keine Kunst. (Odent: Die Natur des Orgasmus, München 2010, S. 14)

Man lese Odents Buch und unterrichte sich über den „Fötus-Ejektions-Reflex“! Odent beschreibt, daß die Geburt etwas genauso Intimes ist, wie der Geschlechtsakt – und ein kosmisches Ereignis im bio-emotionalen Sinne. Man wird in dem Buch beispielsweise lesen, „daß zwischen Fötus-Ejektions-Reflex und genitalem Orgasmus viele Ahnlichkeiten bestehen. (…) Wir haben es hier (…) mit einem sich in verschiedenen Szenarien wiederholenden Prozeß zu tun“ (ebd., S. 48f).

Der Hebamme Christl Rosenberger ist aufgefallen, daß die Phasen des Orgasmus, so wie Reich sie beschreibt, mit dem Schema des physiologischen Geburtsablaufs weitgehend identisch sind. Während der Geburt läuft alles genauso unwillkürlich ab, wie beim Orgasmus. Es gibt Frauen, die entsprechende Lustempfindungen während der Geburt haben. Rosenberger verweist u.a. auf Stanislav Grof, der „Ähnlichkeiten zwischen dem Muster des sexuellen Orgasmus und dem Orgasmus der Geburt (sieht). Die Genitalien sind unter diesen Bedingungen ein idealer Kanal für das Abführen dieser Energien“ (Rosenberger: „Sexualität und Geburt“, Lebensenergie. Zeitschrift für Orgonomie, Bd. 2, 1991)

Ich persönlich frage mich spontan, ob die Wochenbettdepression ein Äquivalent der mehr Männer betreffenden post-coital tristesse bei orgastischer Impotenz ist.

Suffer the Children

21. September 2014

jeromeedenseite

Der Text ist wichtig, weil in einer orgonomischen „Niemandszeit“ geschrieben wurde: im Jahr nach dem Tod von Wilhelm Reich. Im Anschluß an Reich macht sich Eden Sorgen über einen „bio-kosmischen“ Zeitumbruch: die „Mechanisierung“ der Atmosphäre und der Menschen, die in dieser Atmosphäre leben. Genau das ist kurz danach eingetreten: um 1960 herum kam es zu einem der dramatischten Einbrüche der Menschheitsgeschichte – aus der autoritären wurde die antiautoritäre Gesellschaft.

Jerome Eden: Suffer the Children: Danksagung und Vorwort


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